Aufzug zum Internet

„Das Internet und der Wandel von Mediensektoren“ – Tagung in Stuttgart

Der Zugang über einen Lastenlift mit Holzdielenboden, umgebaut 1961, ließ nicht gerade vermuten, dass im Seminarraum 5.055 der Stuttgarter Uni die Auswirkungen neuester Technologie verhandelt werden. Doch die Herbsttagung der Sektion „Wissenschafts- und Technikforschung“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie wurde ihrem Titel – „Das Internet und der Wandel von Mediensektoren“ – gerecht. Einziger Wermutstropfen für die Versammlung netzaffiner Forscher: Das W-Lan-Netz reichte nicht bis in den 5. Stock, in dem konferiert wurde.

 

Der Aufzug zum Internet

Der Aufzug zum Internet

Die Vorträge behandelten sehr unterschiedliche, aber durchweg aktuelle Themen der Web-Ära wie den Umbruch bei Verlagen und Musiklabels, neuartige Geschäftsmodelle, die Kapital aus User-generated Content verschiedenster Art schlagen, sowie das Verhältnis von traditionellen  Massenmedien, Social Media und Öffentlichkeit.

Ein paar Notizen:

Michaela Pfadenhauer, Tilo Grenz und Annika Leichner vom Karlsruher Institut für Technologie berichteten im Vortrag „Wertschöpfung en passant? Zur neuen Arbeitsverteilung zwischen Anbietern und Konsumenten am Beispiel zweier internetbasierter Geschäftsmodelle.“ aus einem Projekt des DFG-Schwerpunktprogramms „Mediatisierte Welten“, in dem zwei Fallstudien zu internetbasierten Geschäftsmodellen durchgeführt wurden, um die neue Arbeitsteilung zwischen Anbietern und Konsumenten zu klären. Sie untersuchten ethnographisch eine von Nutzern gestartete Website zu einer TV-Serie, die sukzessive zu einer (kommerziellen) Seite zu unterschiedlichen Serien ausgebaut wurde, auf der auch Werbung geschaltet wird und die so von Nutzern kostenlos generierte Inhalte monetarisiert.

Deutlich ungewöhnlicher, weil aus einer bisher nicht für Mediatisierung und User-generated Content bekannten Branche stammend, war der zweite Fall: Auf der Website eines Fitnessstudiobetreibers veröffentlichen Nutzer ihre Trainingspläne und sonstige Empfehlungen für andere User. Auch hieraus schlägt das Unternehmen Kapital.

In diesem Zusammenhang kritisierten die Vortragenden den häufig verwendeten Begriff der „kollaborativen Wertschöpfung“ (Möller/Fassnacht/Heider et al. 2009) als euphemistisch und semantisch überhöhend. Die vom Kunden kostenlos erbrachte Leistung vertehen sie als „Wirken“ sensu Schütz/Luckmann (2003: 459ff.), also als Handeln mit nicht-intendierten Folgen, das analytisch quasi zwischen dem intendierten „Denken“, das ohne direkte Auswirkungen auf die Umwelt des Akteurs bleibt, und dem ebenfalls willentlichen „Arbeiten“, das die Umwelt verändert, liegt.

Die untersuchten Geschäftsmodelle funktionieren demnach so, dass sie die nicht-intendierten Folgen des individuellen Handelns von Nutzern in Ressourcen intendierten Handelns von Produzenten umwandeln. Im Gegensatz zu seinen historischen Vorläufern sei das Neue an diesem Konzept dabei, dass die „Spuren der Nutzer im Netz“ dafür genutzt werden.

Thomas Döbler und Anna-Maria Wahl von der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation Stuttgart berichteten unter dem Titel „Das Ende der Kostenloskultur? Geschäftsmodelle der mobilen Unterhaltung.“ von einer Umfrage unter über 400 Personen aus dem Stuttgarter Raum zur Bereitschaft, „mobil“ etwas einzukaufen bzw. kostenpflichtige Downloads zu tätigen. Die Ergebnisse: Für Nachrichten auf dem Handy würden nur 10 % durchschnittlich 1,89 € zahlen (SD: 2,3). Die Zahlungsbereitschaften etwa für Social-Network-Angebote, TV-Inhalte und Sportberichte liegen teilweise deutlich darüber. Interessant dabei: Die Zahlungsbereitschaft von „iPhonern“ ist höher als die von Nutzern sonstiger Smartphones und traditioneller Handys. Als mögliche Gründe hierfür wurden zwei Punkte diskutiert. Zum Einen könnten „iPhoner“ grundsätzlich über ein höheres Einkommen verfügen – schließlich ist auch ihre Hardware teurer. Zum Anderen könnte die Zahlungsbereitschaft höher sein, weil Inhalte und Apps mit iTunes relativ komfortabel über nur einen Vertragspartner bezogen werden können, der wohl auch als vertrauenswürdig angesehen wird.

Insgesamt legt der Vergleich mit ähnlichen Daten eine geringe und sinkende Zahlungsbereitschaft nahe, weshalb ein Ende der Kostenloskultur – oder des Trends dahin – nicht in Sicht scheint.

Sascha Dickel vom Institut für Wissenschafts- und Technikforschung der Uni Bielefeld widmete sich unter dem Titel „Die Agora der Selbstinszenierung“ der Frage, ob es sich bei der Kommunikation via Facebook um eine neue Form öffentlicher Kommunikation handelt. Dabei bezog er sich auf eine „Minimaldefinition“ von Luhmann, nach der Öffentlichkeit sachlich Themen von allgemeinem Interesse behandle, sozial Kommunikation mit Unbekannten umfasse und zeitlich ein Gedächtnis für Themen darstelle. Damit ausgerüstet verglich er eine Handvoll komplett öffentlich gemachter Statusupdates mit solchen, die nur in kleinen, privaten Facebook-Netzwerken sichtbar sind. Die hermeneutische Sequenzanalyse von Medium und Inhalt ergab dabei Folgendes:

Sachlich behandeln die Facebook-Updates sowohl Themen von persönlichem als auch von allgemeinem Interesse. Sie seien dabei aber häufig selbstreferentiell: Auf Mediumsseite werde stets der Kommunikator hervorgehoben, also die Privatperson oder das Unternehmen, welche(s) das Update verfasst hat. Inhaltlich seien häufig eigene Gefühle, Erlebnisse, Wünsche, Gedanken und Meinungen das Thema. Es handle sich somit um eine Art „Selbstgespräch“, das aber häufig inszenatorisch, appellativ und darauf bedacht sei, beachtet zu werden. Es kommuniziere somit stets die Erwartung mit, dass das Mitgeteilte (auch) von allgemeinem Interesse sei.

Sozial finde man ebenfalls die gesamte Bandbreite von „an ein spezifisches Publikum gerichtet“ bis „breit gestreut“ – was bei der Auswahl der untersuchten Updates auch selbstverständlich ist. Allerdings richteten sich die Meldungen eher an Bekannte, denn an Unbekannte. Zudem seien sie durch den Bezug auf andere Facebook-Autoren und Facebook-externe Quellen vernetzt. Fazit: Die Updates sind zwar eher an Bekannte adressiert, reflektieren aber tendenziell die Außenwelt; Facebook-Freunde agieren als Gatewatcher.

Zeitlich herrsche das Primat des „Hier und Jetzt“: Updates sind in der Regel gegenwartszentriert, nehmen häufig aber auch episodische Züge an: Durch die Speicherung der Meldungen und die Kommentarfunktion komme es zu Verkettungen von „Interaktionen“ und zu einer Entzeitlichung der Anschlüsse aneinander. Die Speicherung von Ereignissen und ihre zeitliche Fixierung – etwa auf der angekündigten „Timeline“ – wirken somit auch gedächtnisbildend.

Insgesamt kann Facebook-Kommunikation also nicht durchweg als Öffentlichkeit im Sinne Luhmanns verstanden werden, weist aber dennoch häufig entsprechende Merkmale auf. Fazit des Vortrags war dementsprechend eine historische Analogie: Facebook sei eine neue Agora, auf der man v. a. mit Bekannten zusammentreffe und über Themen von persönlichem Interesse kommuniziere. Die zeitliche Entgrenzung der Kommunikation auf Facebook vermag dieser Vergleich aber nicht zu erfassen.

Der Dank für eine spannende Tagung gilt Ulrich Dolata und Jan-Felix Schrape vom Institut für Sozialwissenschaften der Uni Stuttgart, die die Tagung organisiert haben und so Max Ruppert vom Institut für Journalistik der TU Dortmund und mir die Gelegenheit gaben, unsere empirischen und theoretischen Ergebnisse zum Verhältnis von Journalismus und GuttenPlag-Wiki vorzustellen.

[jr]

3 Responses to “Aufzug zum Internet”

  1. Wirklich eine legendäre „Auffahrt zum Internet“. Dieser alte, schwäbische Lastenaufzug bleibt für mich ab jetzt für immer mit „Techniksoziologie“ verbunden! Eine bereichernde, inspirierende Tagung – vielleicht gerade weil ohne W-LAN und Hashtag ;-). Grüße nach HH!

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