Archive for Mai, 2013

Mai 15th, 2013

Publikumsbeteiligung im Journalismus zwischen Mainzelmännchen und Fernsehkameras

Vom 8. bis 10. Mai fand auf dem Lerchenberg in Mainz, in den Räumlichkeiten des ZDF, die 58. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) statt, auf der auch das 50. Jubiläum der Fachgesellschaft gefeiert wurde. Bei einem Konferenz-Motto wie „Von der Gutenberg-Galaxis zur Google-Galaxis“ durfte das jpub-2.0-Team natürlich nicht fehlen: Unter dem (nach dem Prinzip der didaktischen Verunsicherung gewählten) Titel „‚Bitte schließen Sie den Kommentarbereich!'“ stellten wir einen winzigen Teil der Ergebnisse unserer Fallstudie bei der Tagesschau vor:

„Bitte schließen Sie den Kommentarbereich!“ Erwartungen und Erwartungserwartungen an Publikumsbeteiligung im Journalismus. from jpub 2.0

Dem Tagungsthema entsprechend beschäftigten sich die meisten Beiträge mit dem Wandel der medialen Bedingungen und seinen Folgen. Den Anfang machte W. Lance Bennett, Professor an der University of Washington, mit seiner Keynote „Changing media, changing societies: challenges for communication research“ (hier das Video der Keynote und eine kurze Zusammenfassung auf der Website der Uni Mainz).

Bennett thematisierte den Wechsel von modernen zu spät-modernen Gesellschaften: Sei der (übergreifende) Sinn von Dingen, Praktiken, Verhältnissen usw. in der Vergangenheit noch eher von Institutionen wie Staat, Kirche usw. festgelegt und kommuniziert bzw. gesellschaftsweit vorgegeben worden, so seien heute die Gesellschaftsmitglieder selbst dafür verantwortlich, sich gewissermaßen ihren eigenen Sinn zu konstruieren. Bei so gewandelten gesellschaftlichen Verhältnissen sei es nur logisch, dass auch die Medien und der Journalismus sich ändern. So verwies Bennett etwa auf eine Studie der OECD (2010), nach der die Zahl der ZeitungsjournalistInnen in Deutschland zwischen 1997 und 2007 um 25 Prozent gesunken ist.

Ebenso formten sich neue Muster der Mediennutzung: BürgerInnen unter 30 legen laut Bennett ein anderes Nachrichtenkonsum- und Informationsverhalten an den Tag als ihre Eltern und Großeltern. Zwar wollten viele – wohl v.a. JournalistInnen und andere Medienschaffende – glauben, dass die Jungen von allein mit zunehmendem Alter und in anderen Lebensumständen ihr Verhalten ändern werden, dass sie wieder (mehr) Zeitung lesen, Fernsehnachrichten schauen, in Magazinen blättern usw. Aber Bennett stellte unmissverständlich klar: „Sorry, that’s not going to happen.“

Stattdessen hätten die jungen MediennutzerInnen andere Informationsrepertoires entwickelt (vgl. zum Konzept der Informations- bzw. Medienrepertoires diesen Aufsatz von Uwe Hasebrink und Hannna Domeyer), suchten andere Informationen aus anderen Gründen und in anderen Quellen. Als Beispiel nannte Bennett den Lifestyle-Journalismus der Zeitschrift NEON, deren Herausgeber Timm Klotzek feststellte, dass junge LeserInnen durchaus an politischen Themen und Fragestellungen interessiert sind – nur eben nicht an Politik bzw. den klassischen politischen Institutionen und Ideologien und ihren Auseinandersetzungen sowie der Berichterstattung darüber. Zu den neuen Informationsangeboten zählt Bennett auch Websites und Netzwerke sozialer Bewegungen, die sich einem bestimmten sozial-politischen Bereich widmen: Auf ihnen suchten sich BürgerInnen direkt, d.h. unter Umgehung der traditionellen Massenmedien, Informationen zu den Themen, die sie selbst für relevant halten.

In diese Entwicklung passen laut Bennett auch Phänomene wie Crowdsourcing- oder Bürger-Journalismus. Überhaupt würden Begriffe wie „Information“, „Journalismus“ und „Nachrichten“ sowie die dahinterstehenden Praktiken immer weniger von ihren traditionellen Bereitstellern definiert und immer mehr von Seiten ihrer Rezipienten: als das, was sie in ihrem sozialen und alltäglichen Leben beeinflusst.

Wenn Bennetts Überlegungen zutreffen, so hat er damit den Rahmen eines übergreifenden Gesellschafts- und Medienwandels beschrieben, in den sich unsere Thesen und Fallstudien zum Zusammenhang von sich ändernden Praktiken und (Erwartungs-)Erwartungen der Inklusion im Journalismus ‚wie von selbst‘ einfügen lassen.

Fest in KoWi-Hand: das ZDF-Gelände auf dem Lerchenberg in Mainz

Fest in KoWi-Hand: das ZDF-Gelände auf dem Lerchenberg in Mainz

Ein weiterer Beitrag, den wir mit besonderem Interesse verfolgten, war der von Brigitte Hofstetter, Rebecca Lineham, Stefan Bosshart und Philomen Schönhagen von der Universität Fribourg zu „Nutzerbeteiligung und journalistischem Handeln in Schweizer Redaktionen“: Hier wurde zunächst auf theoretischer Ebene Partizipation im Journalismus weiter differenziert in

  • reaktive, interaktive und expressive Beteiligung, die nur selten und indirekt Auswirkungen auf den redaktionellen Output hat, sowie
  • kollaborative Beteiligung, die partizipative Formate im engeren Sinne kennzeichnet und bei der Laien zusammen mit JournalistInnen an journalistischen Produkten arbeiten.

Anschließend stellten Hofstetter et al. ihre Fallstudien vor, bei denen sie in mehreren Schweizer Redaktionen untersuchten, wie sich Publikumsbeteiligung auf journalistische Arbeitsweisen und Routinen auswirkt. Eine Besorgnis erregende Erkenntnis lautete, dass junge JournalistInnen zunehmend auf den Aufbau persönlicher Informations- und Informantennetzwerke verzichten und sich bei der Recherche stattdessen weitgehend auf diejenigen Quellen verlassen, die sie „ad hoc“ im (Social) Web auffinden. Ein positives Resultat war hingegen, dass aktive NutzerInnen v.a. im Lokalbereich die Berichterstattung inhaltlich erweitern.

Ein besonderes Augenmerk legten die Vortragenden (wie auch wir hier im jpub-Projekt) auf die Betreuung von Social Media-Profilen und anderen partizipativen Elementen der Redaktion. Dabei fanden sie heraus, dass die Kommentare einiger NutzerInnen von Prä-Moderation ausgenommen sind und ungeprüft veröffentlicht werden, wenn die JournalistInnen auf Grund vorheriger Kommentare darauf vertrauen, dass die/der NutzerIn nichts postet, das gegen die Diskussionsregeln verstößt. Dies passt auch zu einigen Einsichten, die wir in unseren Fallstudien gewonnen haben.

Ebenfalls ähnlich wie in unseren Untersuchungen, fanden Hofstetter et al. heraus, dass der Einfluss der Nutzerbeteiligung insbesondere auf die Themenwahl der Redaktion nicht nur von journalistischen Kriterien abhängig ist, sondern auch von strategischen Erwägungen: So würde etwa über ein Thema oder Ereignis berichtet, auch wenn dieses gar nicht (mehr) relevant oder aktuell ist – nur weil der Hinweis darauf aus dem Publikum kam. Die Überlegung dahinter: Die Redaktion will nicht riskieren, dass sie das Image eines „Fortschrittsverweigerer“ erhält, indem sie sich (vermeintlich) gegen den Trend zur Publikumsbeteiligung wendet. Und natürlich will man die/der NutzerIn, von der/dem der Hinweis kam, nicht enttäuschen und als RezipientIn verlieren.

Die Präsentation veranlasste den im Publikum sitzenden Walter Hömberg dazu, darüber zu sinnieren, ob unter JournalistInnen früher eine ‚Feedback-Phobie‘ herrschte, die sich inzwischen zu einer ‚Feedback-Manie‘ verkehrt habe.

Im gleichen Panel folgte ein Vortrag von Annika Sehl und Michael Steinbrecher vom Institut für Journalistik der TU Dortmund zur „Partizipation im Wandel: Von Offenen Kanälen zum TV-Lernsender. Eine Befragung und Inhaltsanalyse zur Qualität angeleiteter Bürgerpartizipation im Fernsehen.“ Vorgestellt wurden die Ergebnisse einer Befragung der BürgerInnen und StudentInnen, die Beiträge für den TV-Sender nrwision produzieren, der als zentraler „Lernsender“ in NRW die über das ganze Land verstreuten Offenen Kanäle abgelöst hat. Das Konzept des Lernsenders beinhaltet dabei, dass die Hobby-ProduzentInnen von einer Programmredaktion Feedback zu ihren Beiträgen bekommen, um so ihre Kompetenzen weiterzuentwickeln. Auch  diese Feedback-Protokolle wurden einer Analyse unterzogen. Interessant war, dass – im Gegensatz zu den Erkenntnissen zu den Offenen Kanälen – das Geschlechterverhältnis unter den nrwision-Zulieferen ausgewogen war. Allerdings lag das an der stark weiblich geprägten Gruppe der Studierenden; die ‚echten’ Hobby-TV-Macher sind nach wie vor v.a. männlich.

Bezüglich der Bewertungen der eingereichten Beiträge ergaben sich Unterschiede zwischen dem Selbst- und Fremdbild der Zulieferer: Während sie selbst vornehmlich von der Qualität ihrer Arbeit überzeugt waren, empfand die Programmredaktion die Beiträge als weniger ausgereift. Die Analyse der Feedback-Protokolle ergab, dass positives Feedback am ehesten zum inhaltlichen Aufbau eines Beitrags gegeben wird. Allerdings enthielt auch über die Hälfte der Rückmeldungen Kritik an einigen Aspekten des Aufbaus. Besonders viel negatives Feedback zog die Tonqualität der Beiträge auf sich – ein Umstand, den wohl jede(r) nachvollziehen kann, die/der schon einmal einen Film-Beitrag produziert hat.

Den dritten Vortrag im Panel bestritt Christian Nuernbergk von der LMU München – . Unter dem Titel „Modus Kooperation? Die Orientierungsleistungen in der ‚Blogosphäre‘ auf dem Prüfstand. Ergebnisse aus netzwerk- und inhaltsanalytischer Perspektive.“ stellte er ausgewählte Ergebnisse seiner frisch erschienenen Dissertation vor, in der er untersuchte, ob und wie deutsche Weblogs die Berichterstattung zum G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm auf Spiegel Online (als Paradebeispiel für ein etabliertes journalistisches Angebot) und/oder Indymedia (als Repräsentant alternativer Medien) aufgreifen. Das Ergebnis waren drei Cluster: solche Blogs, die nur SpOn-Berichte kommentierten und verlinkten; solche, die nur Indymedia-Beiträge aufgriffen; und solche, die in ihren Posts die Berichterstattung beider Websites ansprachen. Die Verlinkung eines Berichts konnte dabei aber nicht ohne Weiteres als Zustimmung zu diesem gewertet werden: Ein Viertel der verlinkten Beiträge wurde im jeweiligen Blogpost kritisch kommentiert, nur ein Sechstel gelobt. Die Hälfte aller Links enthielt keine Bewertung des Originalbeitrags; in einem Fünftel der Blogposts fand sich allgemeine Kritik an den Medien. (Die Folien zum Vortrag gibt es hier. Außerdem hat Christian Nuernbergk einen Blogpost zu den Ergebnissen verfasst.)

Beäugten das wissenschaftliche Treiben kritisch: die Mainzelmännchen im Merchandise-Shop des ZDF

Beäugten das wissenschaftliche Treiben kritisch: die Mainzelmännchen im Merchandise-Shop des ZDF

In einem parallel laufenden Panel stellten außerdem Michael Harnischmacher und Klaus Arnold von der Universität Trier die Ergebnisse ihrer Studie zu unabhängigen lokalen Nachrichten-Websites vor. Mittels Inhaltsanalyse und Befragung untersuchten sie das Selbstverständnis, die Organisation und Finanzierung sowie die journalistische Professionalität und Qualität der so genannten „Hyperlocals“. Das überraschende Ergebnis: Die meisten Websites werden von ausgebildeten JournalistInnen selbstausbeuterisch, vornehmlich aus Idealismus und nach klassisch-professionellen Vorstellungen betrieben. Dabei ergänzen sie die lokale Berichterstattung um weitere Themen sowie um tiefe und hintergründige Geschichten.

Leider keine ausführlichen Notizen gemacht haben wir uns zum ersten Vortrag des Panels „Publikumsbeteiligung im Internet“ am zweiten Konferenztag: Hier stellten Annika Sehl (TU Dortmund) und Theresa Naab (HMTM Hannover) anhand einer Meta-Analyse vor, wie sich kommunikationswissenschaftliche Studien zwischen 2004 und 2012 mit dem Thema User-generated Content auseinandergesetzt haben. Aber so viel sei gesagt: Die meisten Studien sind Inhaltsanalysen, besonderer Bedarf besteht noch an international vergleichenden Untersuchungen zu nutzergenerierten Inhalten, und die Methodentransparenz der bisherigen Beiträge zu diesem Thema ist mangelhaft: Vielfach fehlt bei Inhaltsanalysen die Angabe der Inter- bzw. Intracoder-Reliabilität, und auch die Dokumentation bzw. Wiederauffindbarkeit des untersuchten Materials wird selten thematisiert.

Der Grund für unsere mangelnde Dokumentation dieses wichtigen und spannenden Vortrags war übrigens, dass wir direkt im Anschluss präsentieren mussten und dementsprechend abgelenkt waren.

Den Abschluss des Panels lieferte Katja Mehlis von der Universität Erfurt, die unter dem Titel „Partizipative Nachrichtenangebote im Internet. Befunde zu Nutzung und Glaubwürdigkeit aus Publikumssicht.“ die Ergebnisse eines Quasi-Experiments präsentierte, das auch Teil ihrer Dissertation ist: In einer Online-Befragung wurde insgesamt 544 TeilnehmerInnen jeweils ein Screenshot eines Artikels zu einem bestimmten Thema zugeteilt: entweder von einem partizipativen oder einem technischen oder einem professionellen journalistischen Angebots. Die Befragten wurden dann u.a. gebeten, die Glaubwürdigkeit der jeweiligen Website einzuschätzen. So wollte Mehlis herausfinden, ob Unterschiede in der Glaubwürdigkeit die Ursache sein könnten für die deutlich stärkere Nutzung professioneller journalistischer Web-Angebote im Vergleich zu den beiden anderen Typen in Deutschland. Im Anschluss wurde allerdings darauf verwiesen, dass NutzerInnen unterschiedlichen Angebotstypen vermutlich aus unterschiedlichen Gründen Glaubwürdigkeit zusprechen: professionell-journalistischen Websites etwa auf Grund traditioneller Kriterien wie einer objektiven, neutralen Berichterstattung; partizipativen Angeboten hingegen vielleicht eher für ihre Authentizität, mithin: die Subjektivität der dort zu findenden Beiträge. Glaubwürdigkeit würrde für das Publikum also bei professionellen Angeboten etwas anderes bedeuten als bei partizipativen.

Nicht direkt in das jpub-Themengebiet „Publikumsbeteiligung im Journalismus“ passend, aber sehr interessant waren auch Benjamin Krämers und Julia Neubarths (LMU München) Überlegungen zur „Repräsentation sozialer Strukturen im Internet“. An dieser Stelle möchten wir nur mit einem Zitat Werbung für die Präsentation machen, die man sich hier anschauen kann: Basierend auf der Feststellung, dass die symbolische Repräsentation sozialer Strukturen im Internet mehr ist als eine bloße Darstellung (Abbildungsverhältnis) oder Reduktion („nur“-Verhältnis) der Verhältnisse und Beziehungen im ‚realen Leben‘ stellen Krämer und Neubarth fest: „[D]as Symbol (die Datenstruktur) ändern, heißt auch, die soziale Realität ändern“.

Über die kleine Auswahl hier hinaus gab es natürlich noch eine Fülle weiterer interessanter Vorträge zu den unterschiedlichen Themenfeldern der Kommunikations- und Medienwissenschaft. Einen Überblick erhält man durch die Kurzzusammenfassungen im Book of Abstracts. Wer weitere Infos zur Tagung und den anschließenden und parallel laufenden Diskursen haben möchte, dem sei dieses Storify von Christian Strippel empfohlen. Außerdem findet sich hier ein Mitschnitt der Podiumsdiskussion vom zweiten Konferenztag, bei der

über „Die Kommunikation und ihre Wissenschaft in zehn Jahren“ debattierten.

[jr]