Archive for Juli, 2012

Juli 20th, 2012

Aus dem jpub20-Maschinenraum

Warum es hier zwischendurch immer so still ist? Weil wir mittendrin in zwei Fallstudien mit vielen einzelnen empirischen Modulen stecken. Mal ein kleiner Blick hinter die Kulissen, was gerade von uns bearbeitet wird:

Die Fallstudie zur Tagesschau biegt auf die Zielgerade der Feldphase ein. Die Leitfadeninterviews mit insgesamt zehn Mitarbeiter/innen, von der Leitungsebene bis zu den Multimedia-Assistenten, sind durchgeführt, genauso wie standardisierte Befragung unter den Redaktionsmitgliedern beendet ist. Für beide Module liegen erste Auswertungen schon vor, die wir nun in einen gemeinsamen Text integrieren. Auf Publikumsseite sind die Leitfadeninterviews fast abgeschlossen, und die standardisierte Befragung geht kommende Woche in den Pretest, sodass wir auch hier im Lauf des August (toi toi toi!) Daten vorliegen haben.

Die zweite Fallstudie, in der wir eine politische Talkshow der ARD untersuchen (aber vereinbart haben, den konkreten Namen nicht zu nennen), läuft ebenfalls bereits. Auch hier sind die Leitfadeninterviews mit den Mitarbeiter/innen der Redaktion geführt; für die Publikumsseite suchen wir noch Zuschauer/innen, die zu einem Interview bereit wären. Nach der Sommerpause werden wir dann die beiden standardisierten Befragungen abschließen und in die Auswertung einsteigen.

Parallel zu diesen Arbeiten haben wir Codepläne für eine kombinierte Inhalts-/Kommentaranalyse erstellt, mit der wir den Niederschlag von Publikumsbeteiligung im journalistischen Angebot erfassen werden. Für die Tagesschau befinden wir uns hierbei derzeit mitten in der Erhebung & Codierung; den Polittalk nehmen wir uns im Herbst vor.

Und bei all dem denken wir natürlich auch schon an mögliche Veröffentlichungen – den Auftakt wird ein Vortrag + paper über die Tagesschau-Fallstudie machen, den wir Anfang Oktober bei der Neo-Journalism-Konferenz in Brüssel vorstellen.

Das machen wir alles gerade… :-)

Juli 9th, 2012

re:publica12 reviewed – was über jPub20 zu lernen war

Die Geschwindigkeiten des Netzes sind nicht immer die Geschwindigkeiten der Forschung. Das ist zwar ein alter Hut, muss aber als Erklärung gereichen, warum erst jetzt, acht Wochen später, ein kurzer Rückblick auf die re:publica12 erfolgt, die vom 2. bis 4. Mai in Berlin stattfand.  Für das @jpub20team war Nele vor Ort, um den neuesten Entwicklungen und Diskursen um das Netz nachzuspüren – gemeinsam mit 4.000 anderen Teilnehmern. Die re:publica findet seit 2007 statt und ist eine Art „Familienfest“ der mehr oder weniger aktiven Netizens. In diesem Jahr traf man sich zum ersten Mal in der Berliner STATION, ein Standort, dessen Größe unterstreicht, dass die re:publica heute als wichtigste europäische Konferenz zu gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und sozialen Entwicklungen im Bereich Internet und v.a. Social Media. Darüber hinaus präsentieren und diskutieren alljährlich Vertreter von Online-Medien, Webanwendungen und weiteren Internet-Branchen neue Konzepte ihrer Arbeitsbereiche. Vor diesem Hintergrund bot das Programm viele „Selbsthilfe“-Formate, also Vorträge, Workshops, think thanks und Podiumsdiskussionen, in denen z.B. Blogger etwas über Publikationsmechanismen und Geschäftsmodelle lernen konnten. Auch die Urheberrechtsdebatte war an allen drei Tagen prominent platziert, ebenso wie Tracks zu Open Innovation / Education und netzaffiner Protestkultur. Einen bilderreichen und stimmungsvollen Blick auf die diesjährige Veranstaltung kann man hier auf dem Blog „Indiskretion Ehrensache“ nachvollziehen.

Tag eins

Abseits der zahlreichen amüsanten, skurrilen und lehrreichen Vorträge – wie etwa Sascha Lobo’s wichtige und auch für uns Forscher relevante Forderung nach „neuen Narrativen“ – war Nele natürlich auch vor Ort, um interessante Entwicklungen in den Medien aufzuspüren. Für jPub20 von besonderem Interesse war der Track zu „Innovationslaboren des Journalismus“  (Video) von Ulrike Langer (Die ZEIT), Leif Kramp (Uni Bremen), Stephan Weichert (MHMK Hamburg) & Alexander von Streit (Chefredakteur dt. WIRED). Dabei stellten Kramp & Weichert zunächst ihre Medienkritik-Plattform vocer.org  vor, die lesenwerte und diskussionswürdige Beiträge zu Entwicklungen der Medienlandschaft, auch aus Sicht der Praxis, versammeln. Danach präsentierten sie zentrale Ergebnisse ihrer Studie „Innovationsreport Journalismus (FES), einer Expertenbefragung mit 200 Teilnehmern (u.a. Journalisten, Medienpolitiker, Publizisten):

  • das Internet ist in Geschäftsführungen und Chefredaktionen angekommen und wird als „Freund des Journalismus“ begriffen, allerdings gehe der  Blick noch häufig ins Ausland (USA, UK, F), man orientiert sich vorwiegend an dort bewährten Features – Angebote wie Spot.us haben dabei Leuchtturmcharakter; Gründe hierfür sind Personalmangel und mangelnde Experimentierfreude.
  • als aktuelle Trends im dt. Journalismus wurden identifiziert: Datenjournalismus (Vorreiter: SpOn, taz, ZEIT Online); mobiler Journalismus  und beginnender Wandel des Berufsfeldes (on-location-reporting und ein-Mann-Redaktion), gerade im Lokaljournalismus (Bsp. „Rheinzeitung“); sowie Einbindung der User, hier gewinnt der Community-Aspekt an Bedeutung (Bsp. „der Freitag“). Es gebe allerdings weniger Versuche in Richtung der Open News Room-Philosophie und des Crowdsourcing.
  • Eine Frage des Geldes: Man sieht, dass Vieles derzeit noch in den Kinderschuhen steckt, auf einigen Feldern herrsche großer Nachholbedarf, zugleich beobachtet man eine mangelnde Investitionsbereitschaft; auch das Auffangen der Unterfinanzierung durch die Zivilgesellschaft hinkt hinterher, z.B. sind Umsätze via flattr sehr gering. Aus Sicht der Experten wird so genannter Stiftungsjournalismus ambivalent bewertet, da er sich lediglich für Nischenangebote und Recherche-Finanzierung eigne – wichtig erscheint aber, dass der Staat sich aus Finanzierungsfragen raushalten soll.
  • Darüber hinaus wünscht sich ein Großteil der Befragten mehr Kooperation und weniger Vorurteile zwischen den Institutionen der Ausbildung und jenen der journalistischen Praxis – die Experten erhoffen sich hier innovative Herangehensweisen und Impulse aus den akademischen Bereichen, v.a. mit Blick auf Geschäftsmodelle.

Leider wurde in der gesamten Präsentation wenig auf tatsächliche Innovationen im Journalismus eingegangen, stattdessen berichtete Ulrike Langer von ihrer Arbeit in den USA und Gesprächen für ZEIT Online, u.a. mit Jeff Jarvis und Emiliy Bell (mehr). Statt eigener Analysen wurde ein Videointerview mit Jay Rosen gezeigt, in dem es um die „Atomisierung“ des Publikums, die „Rebootisierung“ des Journalismus und die Frage danach ging, wie man Partizipationselemente so gestalten kann, dass sie den Lebensgewohnheiten der User entsprechen, d.h. wie man die Ergonomien der Beteiligung so designt, dass beide Seiten mehr von Beteiligung haben. In der anschließenden Diskussion wurde der Fokus auf „große Medien“ kritisiert, und dass wenig zu Veränderungen im journalistischen Berufsbild gesagt wurde. Ein weiterer Kritikpunkt des Plenums war, dass es in Deutschland an Pionieren zu fehlen scheint – der Status Quo wurde als „langsames Anpassen“ und als „altmodisch“ beschrieben. Wenig sei zu wirklich innovativen Akteuren wie Scott Klein (Propublica, USA) und Ian Bogost (Buch: „News Games – Journalism at Play“) oder Initiativen wie der FreedomBox Foundation gesagt worden. Problematisch sei außerdem die Frage, wie tragfähige Konzepte entwickelt werden können, wenn es doch gleichzeitig immer noch eine Konkurrenzdebatte zwischen Netz und traditionellen Medien gebe. Damit im Zusammenhang stand die durchaus berechtigte Kritik an einer einseitigen Fokussierung auf Geschäftsmodelle, der die notorische Unterfinanzierung vieler Innovationsinitiativen in deutschen Medienhäusern gegenüberstehe.  Die Debatte gestaltete sich äußerst hitzig und: beendet ist sie noch lange nicht. Wer mehr über das Thema erfahren möchte: seit kurzem gibt es auf den Seiten von Vocer eine Sammlung von Innovationslaboren im Journalismus.

Tag zwei

Am zweiten Tag der re:publica12 wurde es schließlich richtig interessant, da zahlreiche projektrelevante Tracks geboten wurden. Den Anfang machte Tim Pritlove, passionierter Blogger und Podcaster, mit seiner Keynote zur Frage, warum Podcasts funktionieren (Video). Grundehrlich gestand Pritlove zu Beginn ein, er mache Podcasts, um seine eigene ARD zu sein. Für ihn sind Podcasts „vernetztes, abonnierbares Radio“ – sie seien multimodal, orientierten sich nicht an breiten Publika und repräsentierten damit das, wozu das Netz im Vergleich zu reinen Schriftmedien an Vermittlungsleistungen in der Lage ist. Aus seiner Sicht erleben Podcasts derzeit einen neuerlichen Aufschwung, u.a. weil die Menschen ein Bedürfnis nach Meinungen und Orientierung hätten. Podcasts seien Orte, in denen die Debatten des Netzes stattfinden – nichtzuletzt seien Podcasts auch eine Art „Soap Opera“, bei der man wissen möchte, was die Akteure erleben. Seine These: Podcast sind „Audio Web 2.0“.

Stichwort innovativer Journalismus: Mirko Lorenz & Anna-Lena Krampe sprachen in ihrem Vortrag darüber, wie sich Medienunternehmen in der heutigen Zeit ändern müssen, nämlich „from attention to trust“, und welche Rolle dabei Datenjournalismus spielt. Dabei stellte Lorenz die Frage, inwiefern Entwicklungen wie der Datenjournalismus dazu führen können, dass Medienunternehmen ihre Journalismus-Modelle und deren dahinter stehenden Wirkmechanismen (Aufmerksamkeitsökonomie) überdenken. Er versteht Daten als „neue Kamera“, wobei es eine neue Aufgabe der Medien sei, Daten zu sammeln und Muster zu erkennen. Die Inhalte sollten künftig weniger fertige Produkte, sondern vielmehr Services darstellen. Das Ziel sei die Abkehr von einem Aufmerksamkeitsmarkt der Medien hin zur Vertrauenswürdigkeit der Daten und ihrer Aufbereitung. Ein dementsprechendes Geschäftsmodell wäre die Bezahlung der Inhalte nach Nutzwert für den Rezipienten. Dabei sei ein Problem der immer noch intransparente Umgang mit Nutzerdaten, deshalb brauche es vertrauenswürdige Dienste bzw. Anwendungen, bei denen die Daten bei den Nutzern verbleiben. Im zweiten Teil des Tracks hielt Krampe einen eher praxisorientierten Vortrag zu Tools für Datenjournalisten und mögliche erste Schritte, der jedoch wenig Neues bot und eher für Einsteiger informativ war.

Ein interessantes Tool stellte Måns Adler vor: die Live-Streaming-Anwendung Bambuser, mittels derer jeder angemeldete User über mobile Geräte und via Webcam live von Ereignissen zu berichten. Dabei gebe es sogar Streams, die von professionellen Medienunternehmen in das Angebot eingebunden und über Stream-Abos von den Unternehmen bezahlt werden.  Genutzt wird Bambuser u.a. bei Protesten und Kundgebungen – übrigens von Unterstützer- wie Gegenseite gleichermaßen – aber auch Pressekonferenzen. Dabei können die Livestreams mithilfe von Metadaten über Maps verortet werden, zudem kann man gleichzeitig mit dem „Kameramann“ chatten, diese Funktion wird u.a. von Journalisten zur Verifizierung von Material verwendet. Ein Blogbeitrag zur Nützlichkeit der Anwendung im journalistischen Kontext findet sich hier.

Äußerst spannend für unser Projekt war das „Battle der Öffentlich-Rechtlichen“, denn sowohl ARD als auch ZDF stellten nacheinander ihre Online-Strategien vor, so dass die Unterschiede doch sehr deutlich wurden. Für die ARD moderierte Heidi Schmidt (Leiterin ARD Online & ARD Onlinekoordinatorin) das Panel „ARD – und sie bewegt sich doch“ zur Digitalstrategie der ARD und aktuellen Projekten. Dazu gehörten das interaktive und auf mehreren Kanälen der ARD inszenierte Thriller-Game „Alpha 0.7“ , der interaktive „Tatort+“, der am 13. Mai ausgestrahlt wurde (Resümee auf der ARD-Webseite), der bislang nur im Digitalsender ausgestrahlte Klub Konkret, das neue „Reportage- und Talkformat für junge Menschen“, sowie das interaktive Format Rundshow, das mittlerweile seinen Testlauf von vier Wochen hinter sich hat. Bei der „Rundshow“ konnten die Zuschauer über die App „Die Macht“ live darüber abstimmen, wie ihnen der Inhalt gefällt, zudem wurden in der Sendung u.a. Google Hangouts, Skype-Schalten, Livestreams von Redaktionskonferenzen genutzt (hier kann man kritisches Review von MEEDIA nachlesen). Hinsichtlich der YouTube-Aktivitäten der ARD seien insbesondere Musik-Videos erfolgreich, aber auch Dokumentationen – man sehe hier die Geschwindigkeit des Publizierens als  besonderen Vorteil, so sei man z.B. mit dem ARD-Netzreporter oft tagesaktuell. Die Vernetzung mit Dritt-Plattformen sei derzeit auch ein wichtiges Anliegen mit Blick auf die ARD-Mediathek. Bei der Tagesschau-App, die kürzlich den Grimme Online Publikumspreis erhielt, geht man zunehmend dazu über, „related content“ nach journalistischen Kriterien zu verschlagworten, zudem können diese verlinkten Inhalte via second screen aufgerufen werden. Auch sei eine Upload-Funktion implementiert, zu deren bisheriger Nutzung aber nichts gesagt wurde. Im Gesamteindruck ist das Ziel der Online-Aktivitäten der ARD derzeit v.a. das Gewinnen neuer, junger Zielgruppen, die man möglicherweise nicht mehr über das TV-Angebot erreichen kann. Ein „Stolperstein“ dabei könnte das Depublizierungs-Gebot sein, das im Plenum besonders negativ ankam, ebenso wie das Geo-Blocking von Beiträgen. Auch die mangelhafte Kenntlichmachung von Internet-Quellen in Beiträgen wurde kritisiert und die Einblendung von Kurz-URLs oder Nutzernamen als Lösungsvorschläge angeboten. Damit wurde häufig implizit das vermeintlich mangelhafte Verständnis für die „digitale Welt“ seitens der ARD angeprangert. Tatsächlich wirkte der Ablauf des Panels insgesamt etwas altbacken, steif und inszeniert, da der gesamte Track war weniger auf Interaktion als auf Frontal-Präsentation angelegt war. Außerdem war im Gegensatz zum ZDF-Track der ARD-Pressesprecher anwesend, um schwierige Fragen zu beantworten.

Das ZDF legte seine Präsentation durch Mitglieder des ZDF-Onlineteams als Diskussionsrunde an, dies war schon dem Titel „Sag’s dem ZDF – Das Zweite im Netz / #zdfstuhlkreis“ implizit. Dabei betonten die ZDF-Vertreter bereits zu Beginn, dass es ihnen um eine Art „Meinungs-Crowdsourcen“ gehe. Zum Einstieg wurden zur Anregung einer Diskussion Ausschnitte aus ZDFlogin vom 02.05. gezeigt, in der Sendung diskutierte ZDF-Chefredakteur Peter Frey mit den Journalisten Lorenz Matzat und Jakob Augstein darüber, wie gut das ZDF im Netz aufgestellt ist. Anschließend stellte Andreas Rother (Hauptredaktion Neue Medien/Crossmedia-Projekte) den im Zuge der Umstellung auf Digital-Ausstrahlung aller Sender geleisteten Relaunch der ZDF-Seite vor. Dabei betonte er stets, dass das ZDF-Onlineteam seine eigene Arbeit im Sinne eines Laborcharakters versteht – zugleich möchte man jedoch die bislang vorhandenen Angebote in Zukunft besser nutzen. Aus seiner Sicht seien dabei „Schnittstellen-Redakteure“ wie Michael Umlandt wichtig, der einen kurzen Einblick gibt, wie die Interaktion mit den ZDF-Nutzern i.d.R. ausfällt, oder Sonja Schünemann, Online-Redakteurin des Hauptstadtstudios.  Man sei sich darüber bewusst, dass sich das Feedback der Nutzer auch tatsächlich auswirken müsse. Allerdings sei beispielsweise mit Blick auf eine potentielle Programmgestaltung durch die Nutzer  fraglich, wie das Programm am Ende aussehen würde – die Sinnhaftigkeit solcher Beteiligungsvarianten wird klar infrage gestellt. Hier handelt es sich wohl also um eine klare Grenze der Nutzerpartizipation. Letztlich bestimmen zudem die Juristen, was online geht, auch weil gerade mit Blick auf eine langfristige Verfügbarkeit von Beiträgen die Rechtslage aktuell schwierig sei. Da die Präsentation als Dialog mit dem Plenum angelegt war, durften die Anwesenden Wünsche an das ZDF äußern, so möchte man bessere Möglichkeiten, um mit den Autoren der Beiträge in Kontakt treten zu können, z.B. über einfache Autorenlinks. Ebenso wünsche man sich eine Kommentierbarkeit von Beiträgen – dies sei, so Rother, geplant, aber bislang technisch nicht möglich gewesen. Ein weiterer Vorschlag zielte auf die Entwicklung einer Second Screen-App mit verschiedenen Interaktionsmöglichkeiten. Diesbezüglich stellte Rother jedoch infrage, wie hoch der tatsächliche Bedarf an Interaktivität überhaupt sei, da die bisherigen Beteiligungszahlen eher ernüchternd seien. Dies wird von den Mitarbeitern, wie etwa Umlandt durchaus als frustrierend wahrgenommen. Weiterhin wurde der Wunsch geäußert, dass sich die ZDF-Intendanten dem Publikumsfeedback aussetzen, hierbei verwies Rother auf erste Versuche im Form des ZDF Netzdialogs. Darüber hinaus gab es Beschwerden zur technischen Umsetzung einiger Angebote, wie der Google-Hangouts oder der generellen Funktionalität des Google+ Kanals. Angeregt wurde zudem eine Beschleunigung des release cycles von Beiträgen, also der Verfügbarkeit in der Mediathek. Diese Forderung wurde von Umlandt sofort aufgegriffen: er versprach dem Plenum ein Video, in dem erklärt wird, wie Videos für die Mediathek aufbereitet werden – dieses stand nur wenige Tage später online. Im Gesamteindruck ist das ZDF seine Präsentation auf der re:publica12 wesentlich cleverer angegangen, weil sie stark auf Interaktion und Austausch mit dem Publikum ausgelegt war, auch weil wenn es sich um ein besonderes Publikum handelt. Zumindest gefühlt wurde das Plenum hier ernster genommen, wobei die Anwesenden dem Sender und seinen experimentellen Formaten augenscheinlich insgesamt wohlgesonnener waren. Ebenfalls bemerkenswert war, dass auch Experten des ZDF aus den Bereichen Recht und Technik in den Dialog eingebunden wurden, statt eines Pressesprechers. Letztlich machte zudem die (oberflächlich betrachtet) größere Experimentierfreude der Akteure, und insbesondere der ehrliche Umgang mit gescheiterten Projekten und den Enttäuschungen im Hinblick auf Publikumsbeteiligung den Gesamtauftritt sympathisch.

Tag drei

Am letzten Tag der re:publica12 kündigte sich hoher Besuch an, in Gestalt von Twitter Vize-Präsidentin Katie Stanton, die in ihrer Keynote aktuelle Entwicklungen bei Twitter vorstellte (Video). Die wichtigste Information war sicher, dass Twitter ein Deutschland-Büro in Berlin beziehen wird. Deutschland sei zudem das einzige Land, in dem Fußball-Ergebnisse bei Twitter eingeblendet werden. Ohnehin sei Sport, so Stanton, ein starker Motor der Twitter-Nutzung, weil es das gemeinsame Erleben von Ereignissen verstärkt – dies hat sich im Zuge der Fußball-EM mit Blick auf die Einbindung von Tweets in den Teletext durch die ARD noch einmal bestätigt. In den USA sei die Einbindung von Twitter-Feedback in TV-Programme bereits stark etabliert, in Deutschland beobachte man eher eine vorsichtige Annäherung. Für die Zusammenarbeit mit Medienunternehmen ist die Twitter-Repräsentantin in Deutschland, Isa Sonnenfeld,  als Partnerships Manager verantwortlich – damit ist Frau Sonnenfeld mit Sicherheit eine spannende Gesprächspartnerin für zukünftige Studien.

Apropos: Eine der wenigen wisenschaftlichen Studien, die auf unserem Tagungs-Schedule standen, war jene von Sebastian Horn (ZEIT Online Community Redakteur) & Max Neufeind (ETH Zürich), die ihre Analyse von Kommentaren auf ZEIT Online sowie Nutzertypen und Interaktionen in Online-Debatten vorstellten. In ihrer Studie untersuchten sie ca. 1.400 Kommentare einer Diskussion zum Grundeinkommen. Sie stellten dabei fest, dass a) die „Lebenszeit“ von Debatten i.d.R. etwa 2-3 Tage beträgt, b) der Verlauf der Kurve „Kommentare pro User“ dem long tail entspricht, und dass c) zu den „Erfolgsfaktoren“ eines Kommentars die Tageszeit, das Argumentationsniveau, die Haltung zum Artikel, die thematische Breite und die Anzahl der Leserempfehlungen gehören – die Qualität eines Kommentars hängt dabei sehr stark mit der Zahl der Folgekommentare zusammen („je besser, desto mehr Anschlussdiskussion“). Mithilfe einer Clusteranalyse konnten sie zudem 4 Nutzertypen identifizieren: den „Pöbler“ (Troll), den „Musterschüler“, den „Bemühten“ und den „Besserwisser“. Noch gibt es keine wissenschaftliche Veröffentlichung der Ergebnisse – um das Warten darauf nicht allzu lang werden zu lassen, empfiehlt es sich, die (auch optisch) überzeugende Präsentation bei Slideshare herunterzuladen. In der anschließenden Diskussion wurde noch ein wenig aus dem ZEIT Online-Nähkästchen geplaudert, so versuche man bei Facebook-Diskussionen mittlerweile mit Spam-Filtern zu arbeiten, zudem steige das Niveau der Diskussionen, wenn sich die Redakteure daran beteiligen. Mit Blick auf die Untersuchungsergebnisse scheint es zudem hilfreich, bei unterschiedlichen Usern verschiedene Moderations-Strategien anzuwenden. Als Nutzer sollte man nach „Musterschülern“ und deren Beiträgen Ausschau halten. Im Vortrag und auch in der Diskussion ging es augenscheinlich v.a. um die Frage, wie sich die Diskussionen aus Sicht der Betreiber verbessern lassen können – die Nutzersicht wurde dabei weniger antizipiert. Das verweist auf einen offenbar vorhandenen, großen Steuerungsbedarf seitens der Betreiber, aber auch seitens der Betreuer entsprechender Features. So kamen beispielsweise viele Nachfragen von Community Managern, Bloggern oder Moderatoren im Plenum.

Bevor es dann für die Teilnehmer in das Wochenende oder zu einer der zahlreichen After-Conference-Parties ging, diskutierten Van Bo Le-Mentzel, Andreas Kamphuis und Matthias Urbach unter der Moderation von Anne Grabs zu Crowdfunding in der Praxis aus Sicht von Autoren, Verlagen und Journalisten. Dabei benannte der Autor und selbsterklärte „Crowd-Architekt“ Van Bo Le-Mentzel sieben Schritte, die aus Gründerperspektive für erfolgreiches Funding entscheidend sind: Base (das Fundament), Chase, Face, Place, Space (z.B. Leuten Freiraum geben), Trace (Schritte Transparent machen) und Count the days (klar machen, wie lange ein Projekt läuft). Einige dieser Aspekte lassen sich wohl auch auf journalistische Projekte übertragen. Die Ergebnisse von Kramp & Weichert unterstreichen, dass dies in Zukunft notwendig sein könnte. Mathias Urbach von taz.de betonte, dass ein Autorenkollektiv Meinungsvielfalt biete, und dass dies ein  Ziel der Unterstützer sei – es gebe nachwievor zu viel vom immer Gleichen. Das Genossenschaftsmodell der taz sei letztlich auch eine Form des Crowdfunding. Aus seiner Sicht ist in diesem Zusammenhang das Aufbauen von communities äußerst wichtig. Eine besondere Herausforderung sei dabei, zu erklären, warum die eigene Arbeit besonders ist. Am Beispiel von flattr werde aber deutlich, dass es eher um die Bezahlung einzelner Beiträge oder das Sponsoring einzelner Journalisten ginge. Allerdings funktioniere dies derzeit eher bei Einzelprojekten, wie etwa die „Berlin Folgen“, weil man gerade im Journalismus vor dem Problem stünde, solch eine Art der Finanzierung zu rechtfertigen.

Und Schluss

Puh! Viel war los, viele Eindrücke galt es zu verarbeiten. Nichtsdestotrotz: die re:publica12 war ein besonderes, manchmal anstrengendes und atemloses Erlebnis – wer etwas über die Philosophien und die Menschen hinter den Medien oder einfach etwas über die medialen Zeiten, in denen wir leben, lernen möchte, dem sei ein Besuch im kommenden Jahr dringend angeraten. Man sieht sich!

[nh]

Juli 2nd, 2012

jpub20 part of international research network

Great news: The Netherlands Organisation for Research Funding NWO has approved an application for an international research network on „Understanding public participation: Journalism and democracy in a digital age“. Led by Tamara Witschge (Groningen University), the project will bring together various researchers from Groningen (Tamara Witschge, Chris Peters), Amsterdam (Irene Costera Meijer), Cardiff (Karin Wahl-Jorgensen, Andy Williams) and Hamburg (Wiebke Loosen, Jan-Hinrik Schmidt). Over the next two years, the network will develop a research agenda on the changes in mediatized participation and  its impact on journalism and democracy – we will keep you posted. [js]