Archive for November, 2011

November 28th, 2011

Aufzug zum Internet

„Das Internet und der Wandel von Mediensektoren“ – Tagung in Stuttgart

Der Zugang über einen Lastenlift mit Holzdielenboden, umgebaut 1961, ließ nicht gerade vermuten, dass im Seminarraum 5.055 der Stuttgarter Uni die Auswirkungen neuester Technologie verhandelt werden. Doch die Herbsttagung der Sektion „Wissenschafts- und Technikforschung“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie wurde ihrem Titel – „Das Internet und der Wandel von Mediensektoren“ – gerecht. Einziger Wermutstropfen für die Versammlung netzaffiner Forscher: Das W-Lan-Netz reichte nicht bis in den 5. Stock, in dem konferiert wurde.

 

Der Aufzug zum Internet

Der Aufzug zum Internet

Die Vorträge behandelten sehr unterschiedliche, aber durchweg aktuelle Themen der Web-Ära wie den Umbruch bei Verlagen und Musiklabels, neuartige Geschäftsmodelle, die Kapital aus User-generated Content verschiedenster Art schlagen, sowie das Verhältnis von traditionellen  Massenmedien, Social Media und Öffentlichkeit.

Ein paar Notizen:

Michaela Pfadenhauer, Tilo Grenz und Annika Leichner vom Karlsruher Institut für Technologie berichteten im Vortrag „Wertschöpfung en passant? Zur neuen Arbeitsverteilung zwischen Anbietern und Konsumenten am Beispiel zweier internetbasierter Geschäftsmodelle.“ aus einem Projekt des DFG-Schwerpunktprogramms „Mediatisierte Welten“, in dem zwei Fallstudien zu internetbasierten Geschäftsmodellen durchgeführt wurden, um die neue Arbeitsteilung zwischen Anbietern und Konsumenten zu klären. Sie untersuchten ethnographisch eine von Nutzern gestartete Website zu einer TV-Serie, die sukzessive zu einer (kommerziellen) Seite zu unterschiedlichen Serien ausgebaut wurde, auf der auch Werbung geschaltet wird und die so von Nutzern kostenlos generierte Inhalte monetarisiert.

Deutlich ungewöhnlicher, weil aus einer bisher nicht für Mediatisierung und User-generated Content bekannten Branche stammend, war der zweite Fall: Auf der Website eines Fitnessstudiobetreibers veröffentlichen Nutzer ihre Trainingspläne und sonstige Empfehlungen für andere User. Auch hieraus schlägt das Unternehmen Kapital.

In diesem Zusammenhang kritisierten die Vortragenden den häufig verwendeten Begriff der „kollaborativen Wertschöpfung“ (Möller/Fassnacht/Heider et al. 2009) als euphemistisch und semantisch überhöhend. Die vom Kunden kostenlos erbrachte Leistung vertehen sie als „Wirken“ sensu Schütz/Luckmann (2003: 459ff.), also als Handeln mit nicht-intendierten Folgen, das analytisch quasi zwischen dem intendierten „Denken“, das ohne direkte Auswirkungen auf die Umwelt des Akteurs bleibt, und dem ebenfalls willentlichen „Arbeiten“, das die Umwelt verändert, liegt.

Die untersuchten Geschäftsmodelle funktionieren demnach so, dass sie die nicht-intendierten Folgen des individuellen Handelns von Nutzern in Ressourcen intendierten Handelns von Produzenten umwandeln. Im Gegensatz zu seinen historischen Vorläufern sei das Neue an diesem Konzept dabei, dass die „Spuren der Nutzer im Netz“ dafür genutzt werden.

Thomas Döbler und Anna-Maria Wahl von der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation Stuttgart berichteten unter dem Titel „Das Ende der Kostenloskultur? Geschäftsmodelle der mobilen Unterhaltung.“ von einer Umfrage unter über 400 Personen aus dem Stuttgarter Raum zur Bereitschaft, „mobil“ etwas einzukaufen bzw. kostenpflichtige Downloads zu tätigen. Die Ergebnisse: Für Nachrichten auf dem Handy würden nur 10 % durchschnittlich 1,89 € zahlen (SD: 2,3). Die Zahlungsbereitschaften etwa für Social-Network-Angebote, TV-Inhalte und Sportberichte liegen teilweise deutlich darüber. Interessant dabei: Die Zahlungsbereitschaft von „iPhonern“ ist höher als die von Nutzern sonstiger Smartphones und traditioneller Handys. Als mögliche Gründe hierfür wurden zwei Punkte diskutiert. Zum Einen könnten „iPhoner“ grundsätzlich über ein höheres Einkommen verfügen – schließlich ist auch ihre Hardware teurer. Zum Anderen könnte die Zahlungsbereitschaft höher sein, weil Inhalte und Apps mit iTunes relativ komfortabel über nur einen Vertragspartner bezogen werden können, der wohl auch als vertrauenswürdig angesehen wird.

Insgesamt legt der Vergleich mit ähnlichen Daten eine geringe und sinkende Zahlungsbereitschaft nahe, weshalb ein Ende der Kostenloskultur – oder des Trends dahin – nicht in Sicht scheint.

Sascha Dickel vom Institut für Wissenschafts- und Technikforschung der Uni Bielefeld widmete sich unter dem Titel „Die Agora der Selbstinszenierung“ der Frage, ob es sich bei der Kommunikation via Facebook um eine neue Form öffentlicher Kommunikation handelt. Dabei bezog er sich auf eine „Minimaldefinition“ von Luhmann, nach der Öffentlichkeit sachlich Themen von allgemeinem Interesse behandle, sozial Kommunikation mit Unbekannten umfasse und zeitlich ein Gedächtnis für Themen darstelle. Damit ausgerüstet verglich er eine Handvoll komplett öffentlich gemachter Statusupdates mit solchen, die nur in kleinen, privaten Facebook-Netzwerken sichtbar sind. Die hermeneutische Sequenzanalyse von Medium und Inhalt ergab dabei Folgendes:

Sachlich behandeln die Facebook-Updates sowohl Themen von persönlichem als auch von allgemeinem Interesse. Sie seien dabei aber häufig selbstreferentiell: Auf Mediumsseite werde stets der Kommunikator hervorgehoben, also die Privatperson oder das Unternehmen, welche(s) das Update verfasst hat. Inhaltlich seien häufig eigene Gefühle, Erlebnisse, Wünsche, Gedanken und Meinungen das Thema. Es handle sich somit um eine Art „Selbstgespräch“, das aber häufig inszenatorisch, appellativ und darauf bedacht sei, beachtet zu werden. Es kommuniziere somit stets die Erwartung mit, dass das Mitgeteilte (auch) von allgemeinem Interesse sei.

Sozial finde man ebenfalls die gesamte Bandbreite von „an ein spezifisches Publikum gerichtet“ bis „breit gestreut“ – was bei der Auswahl der untersuchten Updates auch selbstverständlich ist. Allerdings richteten sich die Meldungen eher an Bekannte, denn an Unbekannte. Zudem seien sie durch den Bezug auf andere Facebook-Autoren und Facebook-externe Quellen vernetzt. Fazit: Die Updates sind zwar eher an Bekannte adressiert, reflektieren aber tendenziell die Außenwelt; Facebook-Freunde agieren als Gatewatcher.

Zeitlich herrsche das Primat des „Hier und Jetzt“: Updates sind in der Regel gegenwartszentriert, nehmen häufig aber auch episodische Züge an: Durch die Speicherung der Meldungen und die Kommentarfunktion komme es zu Verkettungen von „Interaktionen“ und zu einer Entzeitlichung der Anschlüsse aneinander. Die Speicherung von Ereignissen und ihre zeitliche Fixierung – etwa auf der angekündigten „Timeline“ – wirken somit auch gedächtnisbildend.

Insgesamt kann Facebook-Kommunikation also nicht durchweg als Öffentlichkeit im Sinne Luhmanns verstanden werden, weist aber dennoch häufig entsprechende Merkmale auf. Fazit des Vortrags war dementsprechend eine historische Analogie: Facebook sei eine neue Agora, auf der man v. a. mit Bekannten zusammentreffe und über Themen von persönlichem Interesse kommuniziere. Die zeitliche Entgrenzung der Kommunikation auf Facebook vermag dieser Vergleich aber nicht zu erfassen.

Der Dank für eine spannende Tagung gilt Ulrich Dolata und Jan-Felix Schrape vom Institut für Sozialwissenschaften der Uni Stuttgart, die die Tagung organisiert haben und so Max Ruppert vom Institut für Journalistik der TU Dortmund und mir die Gelegenheit gaben, unsere empirischen und theoretischen Ergebnisse zum Verhältnis von Journalismus und GuttenPlag-Wiki vorzustellen.

[jr]

November 28th, 2011

Große Unterschiede bei Inklusion via Facebook

Eigene Facebook-Seiten sind ein wesentlicher Teil der Social-Media-Strategien von professionellen Medienangeboten. Wie genau diese betrieben und eingesetzt werden, um mit „the people formerly known as the audience“ zu kommunizieren, unterscheidet sich allerdings, wie ein Blick auf die Facebook-Seiten populärer deutschsprachiger Medien zeigt.

Eine einheitliche Sprache hat man bislang nicht gefunden oder möchte man nicht finden. Jeder macht es anders. Die einen bevorzugen die persönlichere Variante der Ansprache und geben zudem Auskunft über die Stimmung in der Redaktion.

Morgendliche Begrüßungen und eine freundschaftliche Verabschiedung am Abend sind auf den Facebook-Seiten von stern.de und Spiegel Online fester Bestandteil der Publikumsansprache. FAZ.net bevorzugt hingegen schlichte Posts von Artikeln des hauseigenen Onlineangebots. Während bei sueddeutsche.de direkt zur Diskussion angeregt wird, belässt es RTLs Boulevardmagazin Explosiv bei Programmhinweisen auf seiner Pinnwand.

Diese simple Übersicht über typische Facebook-Posts der Medienmacher macht die Unterschiede im Umgang mit den Nutzern deutlich:

Persönliche Ansprachen

Morgendliche Begrüßung beim Magazin "stern"

Feierabend-Gruß beim Magazin "Der Spiegel"

Abstimmung bei der "Bild-Zeitung"

Programmhinweis 

RTL-Boulevardmagazin "Explosiv" verweist auf die nächste sendung

Posts von Artikeln des Online-Angebots

Die FAZ verweist via Artikel-Posts auf ihre Website

Die Nachrichtensendung "heute" des ZDF bei Facebook

Die "Tagesschau" verweist auf ihr Online-Angebot

"Die Zeit" postet Artikel des Online-Angebots und Links zu Dokumenten im Internet

Blick hinter die Kulissen

Blick hinter die Kulissen bei "Maybrit Illner"

Anregung zur Diskussion

Die "Süddeutsche Zeitung" fragt nach der Meinung ihrer Facebook-Nutzer

Unser Projekt möchte auch solchen Phänomenen aus wissenschaftlicher Perspektive auf den Grund gehen. Anhand von Fallstudien sollen Inklusionserwartungen und Inklusionsleistungen von Journalisten und Publikum herausgearbeitet werden. Facebook ist dabei nur eines von vielen Beispielen.

Welchen Weg könnte Partizipation in journalistischen Medien nehmen? Was finden Leser gut und wo hapert es ihrer Meinung nach? Das wollen wir herausfinden und sind gespannt.

[ms]

November 24th, 2011

Auf dem Weg zu Fallstudien

Das empirische Herzstück unseres Projekts werden die insgesamt sechs Fallstudien sein, die wir zu Medienangeboten in den Konvergenzbereichen TV/Online und Print/Online durchführen. Die letzten Wochen haben wir – neben allgemeinen organisatorischen Dingen, die zu Beginn eines Projekts notwendig sind – hauptsächlich damit zugebracht, diese Fallstudien vorzubereiten. Eine etwas eigentümliche Art der Arbeit, weil man werkelt und werkelt, aber zunächst einmal noch nichts wirklich Vorzeigbares zu haben scheint – aber das täuscht, denn die jetzt erarbeiteten Überlegungen, Klärungen und Vereinbarungen werden uns in den kommenden Monaten natürlich sehr hilfreich sein. Was gehört dazu? Ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  • Einen generellen Zeitplan der 30 Monate mit den auf jeweils neun Monate geplanten Fallstudien in sinnvoll und personell/organisatorisch handhabbar versetzter Reihenfolge haben wir bereits bei unserem internen Auftaktworkshop festgelegt.

 

  • Ein erstes Sichten von insgesamt 18 Angeboten, um Formen der Publikumsbeteiligung im TV-, Print- und Online-Bereicht zu ermitteln. Auf dieser Grundlage haben wir eine Liste mit sechs Angebote erstellt, die für uns erste Priorität haben, die im Projektplan vorgesehenen Kontrastdimensionen (TV/Online vs. Print/Online; Informierender vs. Unterhaltender Nachrichtejournalismus; Tägliche vs. Wöchentliche Erscheinungsweise) abzudecken.
  • Ein ausführlicher Ablaufplan, der uns intern als Raster bzw. Checkliste für alle notwendigen Schritte einer Fallstudie dienen wird; zudem können wir auf dieser Grundlage überprüfen, ob wir noch im Zeitplan liegen. In verdichteter Form sind wir so zu einem idealtypischen Ablauf einer Fallstudie gekommen, der die verschiedenen Phasen berücksichtigt:

 

  • Dieser Ablaufplan taucht, ergänzt um weitere Informationen zu unseren Forschungsfragen, den vorgesehenen empirischen Bestandteilen und einigen weiteren organisatorischen Hinweisen auch in einem Projektexposé auf, mit dem wir uns nun an die angestrebten Kooperationspartner wenden werden. Auch diese Kontaktaufnahme will noch einmal gut überlegt sein – denn wir haben ja ein durchaus anspruchsvolles Programm, das aber, so unsere Überzeugung, auch den Kooperationspartnern in den Verlagen bzw. Redaktionen wertvolle Erkenntnisse über den Stellenwert und die Auswirkungen von Publikumsbeteiligung liefern wird.

Soweit ein erster kleiner Blick „hinter die Kulissen“. Sobald wir Vereinbarungen haben und mit den ersten beiden Fallstudien beginnen, werden wir das hier im Blog natürlich auch bekannt geben.

[js]

November 8th, 2011

Thinking about audience (1)

One of the main goals of the project is to further our knowledge about the „audience“ – a central category of communication research, but also a category that has definitely become problematic and blurry with the rise of digital media technologies and the social web. So parallel to our theoretical and empirical work, there might be a couple of postings where we discuss and reflect on the concept of „audience“ and its transformations (and yes, we are aware of the conference series on „Transforming Audiences“ :-)). For a start, just two pointers to previous work on „audience“ that has been done by members of the Hans-Bredow-Institute:

Uwe Hasebrink has recently published a paper in the „Journal of Information Policy“ where he discusses the connection between media regulation and the audience by focussing on two different questions: (1) What conceptions of audience members are relevant for media quality evaluation? (2) What options and mechanisms exist to ensure media users‘ participation?

Regarding the first question, Hasebrink adapts a distinction by Webster/Phalen (1994) and distinguishes between users as (a) consumers, (b) citizens, and (c) owners of rights; all three roles imply or come with different perspectives on quality, quality criteria and valuations, which are nicely summed up in the figure shown below. While coming from a different context, the distinction might be made fruitful for our project, for example when discussing the conceptions of audience prevalent among journalists, or among the audience (and certain communities within) itself.

Regarding the second question, Hasebrink identifies several „methods of viewer participation [which are] made available through policymakers, regulators, or media companies themselves“ (p.329): (a) formal representation in controlling bodies, (b) communication platforms, (c) complaint procedures and (d) audience research. Additionally, in many european countries associations of media users exist, with the „European Association of Viewers Interest“ (EAVI), for example, acting as a paneuropean network. The focus here is Television, and the categorization would have to be transferred and probably adapted  for the context of online communication. However, it demonstrates that audience inclusion into journalism, the primary analytical focus of our project, can be achieved through a variety of mechanisms and institutions.

Source: Hasebrink (2011), p. 325

I myself have used a different approach in a recent presentation on „Twitter and the new regime of audience measurement„, suggesting that three perspectives on audience can be distinguished within academic research: The dominant perspective has been to conceptualize the „audience as recipients„, that is thinking of the audience as the sum of all receivers of media content (viewers, readers, listeners, users, …). Within this perspective, there is great variance e.g. in the degree to which the audience is considered to be passively consuming or actively selecting, engaging and appropriating media content – in all cases, however, the audience is receiving content that has been produced and selected by others. The second perspective sees the „audience as product„; it is rooted in critical analysis of the ways media industry is manufacturing its audience in order to sell it as a commodity to advertisment.

One of my arguments in the presentation has been that with the rise of social media and produsage as a new mode of media use, a third perspective has gained hold. It sees „audience as empowered networks„, e.g. in analysing the ways participative mediation is complementing technical and professional mediation in networked public spheres (Neuberger/Nuernbergk/Rischke 2009) or the practices of audience management social web users have to engage in when trying to navigate privacy in their personal public spheres (Schmidt 2011). It will be interesting to explore if these perspectives will be echoed in the case studies, or if we will find different categories and perspective on the audience.

Further Reading:

Hasebrink, U. (2011): Giving the Audience a Voice: The Role of Research in Making Media Regulation More Responsive to the Needs of the Audience. In: Journal of Information Policy, Vol. 1, oct. 2011. Available at: http://jip.vmhost.psu.edu/ojs/index.php/jip/article/view/32/33.

Neuberger, C.; Nuernbergk, C.; Rischke, M. (2009): Journalismus im Internet: Profession, Partizipation, Technisierung. Wiesbaden: VS.

Schmidt, J. (2011): (Micro)Blogs: Practices of Privacy Management. In: Trepte, S. / Reinecke, L. (Eds.): Privacy Online. Heidelberg: Springer. 159-173.

Webster, J. G.; Phalen, P.F. (1994): Victim, Consumer, or Commodity? Audience Models in Communication Policy. In Audiencemaking: How the Media Create the Audience, edited by James S. Ettema and D. Charles Whitney, 19-37. London: Sage, 1994.

[js]

November 3rd, 2011

Besetzung der Stellen

[Ursprünglich im Juli 2011 auf schmidtmitdete.de veröffentlicht]

Vor knapp einem Monat erhielten meine Kollegin Wiebke Loosen und ich die Nachricht, dass unser DFG-Antrag zur „(Wieder-)Entdeckung des Publikums“ bewilligt wurde. Darin enthalten: Zwei Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter/innen. Da ich mir vorstellen kann, dass es für den einen oder die andere meiner geneigten Leserschaft interessant ist, schreibe ich einfach mal ein paar Takte dazu, wie wir diese beiden Stellen letztendlich besetzt haben.

Bereits vor der endgültigen Bewilligung hatten Wiebke und ich uns Gedanken über mögliche neue Kolleg/innen gemacht und auch über einige Personen gesprochen, die uns in den letzten Monaten aufgefallen waren – z.B. weil wir sie auf Tagungen kennengelernt hatten, die sie gegen Ende ihres Studiums oder zu Beginn der „prae-doc-Phase“ besuchten, oder weil wir irgendwie anders mitbekommen hatten, dass sie eine Promotion angehen wollen. Wir waren uns aber auch einig, dass wir die Stellen offen ausschreiben werden und haben das auch sofort nach Erhalt der Bewilligung getan.

Wir erhielten insgesamt 32 Bewerbungen, die durchweg interessant waren. In einem ersten Schritt haben wir getrennt voneinander alle Bewerbungen gesichtet, zu jeder Person einige Notizen gemacht und so für uns selbst den ersten Eindruck bewertet. Wichtige Kriterien waren dabei vor allem: Einschlägigkeit des Studiums und der Abschlußarbeit, methodische Erfahrungen, Berührungspunkte zum Projektthema “Journalismus 2.0″, auch ein schwer in Worte zu fassender “aha?!”-Faktor. Danach haben wir unsere Eindrücke abgeglichen und sind mehrmals über die verbleibenden Bewerbungen gegangen, bis am Ende neun Personen übrig blieben, die wir zu Vorstellungsgesprächen einluden; zur Vorbereitung schickten wir eine Fassung des DFG-Antrags mit.

An den Gesprächen, die wir innerhalb von drei Tagen absolvierten, nahm neben Wiebke und mir noch eine weitere Kollegin teil, die bei uns im Instituts-Betriebsrat ist. Der Ablauf war in der Regel so, dass wir einleitend nochmal um eine kurze Vorstellung baten und davon ausgehend dann z.B. nach den Eindrücken vom Antrag bzw. dem geplanten Projekt fragten, wo der/die Bewerber/in Anknüpfungspunkte zu ihrer bisherigen Erfahrung (inhaltlich oder methodisch) sahen, oder wie die Ambitionen für die eigene Promotion aussehen. Da wir ja in der besonderen Situation sind, zwei Stellen besetzen zu können, haben wir auch danach gefragt, welche Teile und Arbeitspakete sie am Liebsten bearbeiten würden – nicht als Fangfrage, sondern um zu erfahren, wo sie selbst ihre Stärken und Interessen sehen. Im zweiten Teil des Gesprächs ging es dann eher um organisatorische Dinge, v.a. auch was wir als Institut anbieten (Arbeitsplatz, Promotionsbetreuung, etc.). Alle (je etwa einstündigen) Gespräche verliefen sehr freundlich und konstruktiv, und wir waren von allen Personen ehrlich beeindruckt.

Dann stand die endgültige Entscheidung an – und es mag komisch klingen, aber es war schwerer zwei Stellen als nur eine Stelle zu besetzen… Bei einer Stelle kann man letztlich eine Liste von Kriterien formulieren und dann die Person auswählen, die die meisten Kriterien erfüllt bzw. diese am besten erfüllt. Bei zwei Stellen kommt zusätzlich ins Spiel, dass wir auf die „Passung“ achten mussten – also zwei Personen auswählen, die sich so gut ergänzen, dass die verschiedenen inhaltlichen und methodischen Facetten bzw. Anforderungen des Projekts abgedeckt sind. Wir haben daher im Anschluss an die Gespräche eine Reihe von Konstellationen durchgesprochen, z.B. Kombinationen von methodischen Kenntnissen oder von eher theoretischen und eher praktischen Erfahrungen. Letztlich haben wir uns für eine Kombination entschieden, in der die beiden Mitarbeiter (eine Frau, ein Mann) die Seite der Journalismus-Forschung einerseits und die Seite der Publikumsforschung andererseits abdecken.

Was kann ich als Ratschläge oder Empfehlungen nennen? Zunächst mal grundsätzlich:

  • Wer nach dem Studium eine weitere wissenschaftliche Laufbahn anstrebt oder zumindest darüber nachdenkt, eine Promotion anzuschließen, sollte sich darüber im Klaren sein, dass es eine ganze Reihe von Konstellationen gibt: die „klassische“ Assistentenstelle an einem Lehrstuhl oder Institut, die Stelle in einem (DFG- oder anderweitig geförderten) Forschungsprojekt, Stipendien in Graduate Schools bzw. Doktorandenkollegs, oder auch die durch anderweitige Berufstätigkeit finanzierte externe Promotion. Alle Varianten haben ihre Besonderheiten – ein DFG-Projekt bietet direkte Einblicke in und Anbindung an Grundlagenforschung; zudem ist es durch die Regel „50% Arbeitszeit, aber 65% Vergütung“ auch möglicherweise attraktiver als andere Varianten. Aber es ist eben nicht der einzige Weg…
  • Es schadet nie, sich gegen Studienende bzw. zu Beginn der Orientierung zur Promotion hin bereits mit einschlägigen Tagungen, Netzwerken, Fachgruppen o.ä. vertraut zu machen: Welche Obertthemen werden behandelt? Zu welchen Fragestellungen werden Calls ausgeschrieben? Im Idealfall kann man auch persönlich solche Tagungen besuchen (in der Sichtung der Bewerbungen war es für uns immer ein interessantes Detail, wenn jemand angab, schon bestimmte Tagungen besucht zu haben. Kein K.O.-Kriterium, aber eben ein Indiz für die Orientierung in Richtung akademische Laufbahn) – denn auch ohne eigenen Vortrag wird man davon profitieren, erste Einblicke in diese Bereiche der wissenschaftlichen Tätigkeit zu bekommen: Wie und über welche Fragen wird diskutiert? Wer arbeitet gerade an welchen Projekten? Wo scheinen Lücken zu sein, in die man selbst mit der eigenen Forschung stoßen könnte? Nicht zuletzt kann man auf solchen Tagungen, Workshops etc. meist unkompliziert mit Leuten ins Gespräch kommen, vielleicht von den eigenen Interessen und Absichten erzählen und so beginnen, sein eigenes Netzwerk aufzubaue – wer weiß, ob Person XY, mit der man sich über die eigenen Ambitionen unterhält, nicht in drei Monaten ein einschlägiges Projekt startet oder von einer Ausschreibung hört?
  • Was die Bewerbung selbst angeht: Wir waren etwas verwundert, dass relativ wenige Bewerber/innen explizit etwas zu ihren Promotionsplänen schrieben. In den Anschreiben haben alle auf das Projekt an sich Bezug genommen (was ja auch gut ist), aber nur vereinzelt fielen dort bereits Bemerkungen wie „Ich möchte die Beschäftigung im Projekt auch dazu nutzen, meine geplante Promotion voranzutreiben, die nach derzeitigem Stand im Themenbereich 123 angesiedelt sein soll“ oder „…bei der ich mich mit Fragestellung xyz befassen möchte“. Je nachdem, in welchem Stadium man sich gerade befindet – kurz vor Abschluß des Studiums, oder schon einige Monate in die Arbeit an der Promotion hinein, oder auch nach gewisser Zeit in der Praxis ausserhalb der akademischen Welt mit dem Wunsch zurückzukommen – wird das unterschiedlich ausgereift sein, und es ist natürlich auch immer sinnvoll, die Dissertationspläne und Forschungsfragen mit dem konkreten Projekt abzugleichen. Aber gerade weil die Dissertation eben auch ein ganz wichtiger Bestandteil einer DFG-finanzierten Stelle ist, ist dies zwar (für uns) kein K.O.-Kriterium gewesen, aber eben ein Hinweis, dass sich jemand schon Gedanken gemacht hat, in welche inhaltliche Richtung es weitergehen könnte.