Archive for ‘Publikum’

Januar 4th, 2016

Fallstudienbericht Nr. 4 zu Der Freitag erschienen

Bereits im Dezember 2015 ist der vierte und letzte Fallstudienbericht unseres Projekts erschienen, der unsere Befunde zur Publikumsinklusion bei der Wochenzeitung Der Freitag zusammenfasst.

Reimer, J.; Heise, N.; Loosen, W.; Schmidt, J.-H.; Klein, J.; Attrodt, A.; Quader, A. (2015): Publikumsinklusion beim Freitag. Zusammenfassender Fallstudienbericht aus dem DFG-Projekt „Die (Wieder-)Entdeckung des Publikums“. Arbeitspapiere des Hans-Bredow-Instituts Nr. 36. Hamburg: Verlag Hans-Bredow-Institut, Dezember 2015. Online: http://hans-bredow-institut.de/webfm_send/1115.

November 5th, 2014

Fallstudienbericht Nr. 3 zur SZ erschienen

Der zusammenfassende Bericht zur dritten von insgesamt vier Fallstudien, die wir im Projekt durchgeführt haben, ist nun als Arbeitspapier des Hans-Bredow-Instituts erschienen:

Heise, N.; Reimer, J.; Loosen, W.; Schmidt, J.-H.; Heller, C.; Quader, A. (2014): Publikumsinklusion bei der Süddeutschen Zeitung. Zusammenfassender Fallstudienbericht aus dem DFG-Projekt „Die (Wieder-)Entdeckung des Publikums“. Hamburg: Verlag Hans-Bredow-Institut, Oktober 2014 (Arbeitspapiere des Hans-Bredow-Instituts Nr. 31).

[Update 10.11.2014: In der ersten Fassung des Arbeitspapiers waren in den Tabellen des Kapitels 8.2. die Items nicht durchnummeriert; dies ist nun korrigiert.]

[Update 15.1.2014: Wir haben ausgewählte Befunde den Redaktionen der SZ und sueddeutsche.de vorgestellt; die Präsentation ist unten in diesem Beitrag eingebettet.]

Wie bereits in den vorhergegangenen Berichten zur Tagesschau sowie zum wöchentlichen Polittalk gehen wir darin ausführlich auf die zahlreichen Befunde zur Publikumsbeteiligung ein, die unsere verschiedenen Methoden erbracht haben. Eine durchaus einschneidende Veränderung – das Abschaffen der Kommentarmöglichkeit bei Artikeln auf sueddeutsche.de zugunsten einer auf Themen fokussierten Diskussion – haben wir nicht mehr berücksichtigen können. Dennoch glauben wir, dass das Arbeitspapier viele interessante und aufschlussreiche Einblicke gibt, wie eine überregionale Tageszeitung online wie offline Publikumsbeteiligung organisiert, wie dies Praktiken und Erwartungen der Journalist/innen  beeinflusst, und wie umgekehrt das Publikum der SZ und von sueddeutsche.de mit diesen Beteiligungsmöglichkeiten umgeht. Hier die Zusammenfassung des Berichts:

Der Bericht stellt Ergebnisse einer Fallstudie bei Süddeutsche Zeitung (SZ) und süddeutsche.de vor, die im Rahmen eines Forschungsprojekts zur Rolle von Publikumsbeteiligung im professionellen, redaktionell organisierten Journalismus in Deutschland durchgeführt wurde. Auf Grundlage eines theoretisch-analytischen Modells, das Partizipation als Zusammenspiel von Inklusionsleistungen und Inklusionserwartungen auf Seiten des Journalismus und des Publikums versteht, werden Befunde aus qualitativen Interviews mit Redaktionsmitgliedern (n= 10) und Lesern bzw. Nutzern unterschiedlichen Aktivitätsgrads (n= 8) sowie aus standardisierten Befragungen der Journalisten (n= 139) sowie der Nutzer von süddeutsche.de (n= 525) vorgestellt.

Auf journalistischer Seite kann so nachgezeichnet werden, wie ein etabliertes und reichweitestarkes nachrichtenjournalistisches Format im Konvergenzbereich von Print und Online Publikumsbeteiligung organisiert und wie sich im Hinblick hierauf journalistische Einstellungen und Selbstbilder darstellen. Hierbei lassen sich sowohl Anzeichen von Konvergenz als auch Komplementarität beobachten: Einerseits erzeugen die vorrangig online relevanten Formen der Publikumsbeteiligung auch „Ausstrahlungseffekte“ in Printredaktion und -produkt. Andererseits folgen beide Angebote unterschiedlichen Ausrichtungen, die sich insbesondere aus nicht deckungsgleichen Publika sowie den jeweiligen Medienspezifka und Produktionsroutinen ergeben bzw. redaktionsseitig mit diesen begründet werden. Sie führen zu unterschiedlichen Zuständigkeiten für und Einstellungen gegenüber Publikumsbeteiligung. Auf Publikumsseite lässt sich außerdem rekonstruieren, in welchem Umfang partizipative Angebote wahrgenommen werden, wie sich das Publikumsbild der Nutzer gestaltet, welche Beteiligungsmotive vorherrschen sowie welche Erwartungen an die journalistischen Leistungen der Süddeutschen und an Formen der Publikumsbeteiligung bestehen.

Der Abgleich beider Seiten erlaubt es zudem, Aussagen über das Inklusionslevel und die Inklusionsdistanz zu treffen: Das Inklusionslevel ist durch eine „moderate“ Schieflage gekennzeichnet, da die von der SZ insbesondere online zugänglich gemachten und mit erheblichem redaktionellen Arbeitsaufwand begleiteten partizipativen Angebote tatsächlich auch von einem vergleichsweise großen Teil des Publikums in Anspruch genommen werden. Allerdings betreffen die meisten Beteiligungsformen eher sogenannte „Low-Involvement-Aktivitäten“, die mit niedrigem Aufwand verbunden sind. Die Inklusionsdistanz ist im Großen und Ganzen gering, da weitgehende Übereinstimmung im Hinblick auf die vom Publikum erwarteten und die redaktionsseitig angestrebten journalistischen Aufgaben besteht: Zu den beidseitig als am wichtigsten eingeschätzten Aufgaben gehören insbesondere die klassischen journalistischen Informations- und Vermittlungs- sowie Kritikleistungen. Gleichwohl tendieren die befragten Journalisten dazu, die Erwartungen ihres Publikums an partizipative Beteiligungsangebote z. T. deutlich zu überschätzen und sie auch sehr viel stärker als ihr Publikum selbst als unverzichtbaren (und strategisch erforderlichen) Bestandteil der Süddeutschen Zeitung und ihrer Online-Angebote zu betrachten.

Januar 7th, 2014

Zweiter Fallstudienbericht: Publikumsinklusion bei einem ARD-Polittalk

Noch im vergangenen Jahr haben wir eine weitere Fallstudie unseres Projekts abgeschlossen und den Bericht in der Reihe der Arbeitspapiere des Hans-Bredow-Instituts veröffentlicht:

Loosen, Wiebke; Schmidt, Jan-Hinrik; Heise, Nele; Reimer, Julius (2013): Publikumsinklusion bei einem ARD-Polittalk. Zusammenfassender Fallstudienbericht aus dem DFG-Projekt „Die (Wieder-)Ent­deckung des Publikums“. Hamburg: Verlag Hans-Bredow-Institut, Dezember 2013 (Arbeitspapiere des Hans-Bredow-Instituts Nr. 28). Online: http://www.hans-bredow-institut.de/webfm_send/739.

Diese zwei von insgesamt vier Fallstudien behandelte einen (auf Wunsch der Redaktion ungenannt bleibenden) wöchentlich Polittalk in der ARD. Wie schon in der ersten Fallstudie zur Tagesschau haben wir also erneut ein journalistisches TV-Angebot unter die Lupe genommen und untersucht, wie sich die veränderten Möglichkeiten zur Publikumsbeteiligung sowohl bei den Journalisten als auch bei den Zuschauern bzw. Nutzern des Online-Angebots auf Praktiken und wechselseitige Erwartungen auswirken. Im Unterschied zur Tagesschau, die ein strikt informationsorientiertes nachrichtenjournalistisches Angebot darstellt, ist der Polittalk stark auf Debatte ausgerichtet. Dieser Umstand, genauso wie die wöchentlichen Produktions- und Sendungsrhythmen, wirken sich unserer Analyse zufolge redaktions- wie publikumsseitig auf die Inanspruchnahme von Beteiligungsmöglichkeiten aus; Vorstellungen und (Erwartungs-)Erwartungen über journalistische Aufgaben und die Rolle, die das Publikum dabei spielen kann, unterscheiden sich ebenfalls zwischen den beiden Fallstudien.

 

November 29th, 2013

FAQ: the jpub-questionnaires on audience inclusion in journalism

Here at jpub, we believe that transparency is a key attribute of good scientific research. That’s one reason why we write this blog. And that’s also the reason why we decided to publish in detail the questionnaires we used in our standardized surveys among journalists and audience members. You find the original German versions as well as English translations of the questionnaires underneath this post for download. But if you want to know a little more about the context in which they were used, read on to learn about our methodological approach:

As you might have read in one of our publications (e.g., Heise/Loosen/Reimer/Schmidt 2013) or heard about in one of our presentations, the jpub-project (Re-)Discovering the audience consists of four case studies of different news outlets and their audiences (s. fig. 1):

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Fig. 1: The four case studies

In each of the case studies, we investigate the journalists’ as well as the audience members’ performances and expectations with regard to audience inclusion as described in the following heuristic model (see fig. 2) developed by Wiebke Loosen & Jan-Hinrik Schmidt (2012; you can download a pre-print version of the paper here):

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Fig. 2: Heuristic model developed by Loosen/Schmidt (2012)

By comparing performances on both sides, we can determine the inclusion level which can be high or low on either side as well as even or uneven. By comparing inclusion expectations on both sides, we find out about the inclusion distance between journalists and their audience: It is small if expectations are rather congruent; it is large, if expectations differ to a greater extent.

Researching both manifest performances and expectations among journalists as well as audience members  requires a multi-method approach with a fixed set of methods applied in every case study (see fig. 3 for the example of the newscast case study):

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Fig. 3: Methods applied in every case study (example case study: newscast Tagesschau)

For instance, we conduct in-depth interviews with members of the newsroom in different positions (from leading editors to community managers) as well as with audience members who participate to varying degrees (from those who only read or watch the parent medium to those who comment heavily on the medium’s website or run their own user blog there).

Two very important components of our approach are the standardized surveys which we conduct in every case study: one among the respective news outlet’s news staff and one among the users of its online presence.

In addition to some general questions on their position and work in the newsroom as well as on socio-demographic characteristics, the journalists are asked

  • which sources their image of the audience relies on,
  • how often they are in contact with their audience for different purposes (e.g., for research, to moderate online discussions, to promote new content, to make editorial decisions transparent, …),
  • how often they use social media features for journalistic activities (e.g., to find sources or eye witnesses of an event, to receive notifications of errors, to obtain an impression of the public opinion towards a particular topic, …),
  • which roles they ascribe to their audience (e.g., passive viewers/readers, commentators, experts, providers of topics, producers of content, …).

The audience members are asked

  • which journalistic products and offers of the respective outlet they use and how often,
  • which participatory features they use and how often (e.g., sending audience mail, “liking” posts on the outlet’s Facebook page, commenting in the outlet’s discussion forum, sharing website content, …),
  • if they use their real name or a pseudonym when they participate,
  • whom they address when they comment publicly,
  • whom they speak for when they comment publicly,
  • to what extent they want journalists to moderate and engage in online discussions,
  • how they evaluate audience members’ contributions in the respective outlet’s different offers,
  • and – if they do not or only rarely participate – what keeps them from participating.

A special feature of the surveys is that four more item batteries which deal with important dimensions of inclusion expectations are included in both the questionnaire for journalists and the questionnaire for audience members. This allows us to compare directly both sides’ ratings of these items and calculate inclusion distance in the four dimensions (see fig. 4):

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Fig. 4: Operationalisation of inclusion distance in the standardised online surveys

In detail, we ask an outlet’s audience members what motivates them to participate; and we ask the outlet’s journalists what they think their audience’s motivations for participation are. Furthermore, we ask journalists which goals they pursue in their journalistic work; and we ask their audience which goals the respective outlet’s journalists in their view should pursue. Moreover, we ask audience members how much importance they ascribe to certain participatory functions; and we ask journalists how important they assume these functions are to their audience. Finally, we ask both sides to rate some general statements on audience inclusion at the respective news outlet, e.g. with regard to strategic rationales and the impact of participation on the journalistic process and products.

If you are interested in how a comparison of journalists’ and audience members’ (expected) inclusion expectations looks like in detail, you might want to read Including the audience. Comparing the attitudes and expectations of journalists and users towards participation in German TV news journalism., the article we recently published in Journalism Studies.

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Re-Discovering_the_audience_questionnaire_audience

Re-Discovering_the_audience_questionnaire_journalists

Wieder-Entdeckung_des_Publikums_Fragebogen_Publikum

Wieder-Entdeckung_des_Publikums_Fragebogen_Journalisten

August 23rd, 2013

Wir haben fremdgebloggt!

…und zwar über die Ergebnisse unserer ersten Fallstudie bei der Tagesschau: Welchen Journalismus und welche Partizipationsmöglichkeiten erwartet das Publikum von Deutschlands ältester Nachrichtensendung? Warum beteiligen sich aktive Nutzer auf tagesschau.de? Und was halten die Journalisten der Tagesschau davon? Die Antworten in Kurzform gibt es nun hier beim European Journalism Observatory.

[jr]

Juni 28th, 2013

Streets of London

After last week’s bustle at the International Communication Association’s 63rd annual conference in London, all jpub members have finally returned from the Thames to the Alster: (at least) some tired, all happy. The ICA had compiled a program of really interesting talks, much too many to attend them all, so that I’m still busy downloading and reading the papers of those I missed.

We were very happy that we could present a small portion of the results from our case study at the German daily newscast Tagesschau in a session entitled „Participatory Journalism: Reimagining the Role of Audiences and Journalists“ with Carrie Brown-Smith as host.

Heise; Loosen; Reimer; Schmidt: Comparing attitudes and expectations towards audience participation in news journalism. ICA London, June 21st 2013 from jpub 2.0

Here, we focused on comparing the actual importance of different participatory functions (e.g. commentary sections, social media profiles) for audience members with their importance as assumed by the Tagesschau-journalists and pointed out what both sides think audience participation at the Tagesschau is good for.

In the session, we also had the pleasure to hear some high quality talks on related topics, all of which greatly complemented one another:

Rodrigo Zamith presented his and Seth C. Lewis‚ thoughts on how to convert discursive spaces on news websites from public spaces to public spheres. Lea Hellmueller and You Li talked about the integration of participatory journalism in the journalistic field using the example of CNN’s iReporters. Anna Kümpel, Nina Springer and Ramona Ludolph analysed he interaction between users and newsrooms on German, US-American and Swedish news websites. Annika Sehl presented some really interesting findings from her dissertation in which she investigated in how far audience participation contributes to diversity of information and opinion in local reporting.

This way, the session brought together different facets of and views on audience participation in journalism, providing an overview about current research in this area as well as detailed insights into specific aspects.

(If you are interested in our full paper on attitudes and expectations towards audience participation at the Tagesschau but do not have access to the ICA website, please e-mail me at j.reimer[at]hans-bredow-institut.de and I’ll be glad to send you a copy.)

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Mai 15th, 2013

Publikumsbeteiligung im Journalismus zwischen Mainzelmännchen und Fernsehkameras

Vom 8. bis 10. Mai fand auf dem Lerchenberg in Mainz, in den Räumlichkeiten des ZDF, die 58. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) statt, auf der auch das 50. Jubiläum der Fachgesellschaft gefeiert wurde. Bei einem Konferenz-Motto wie „Von der Gutenberg-Galaxis zur Google-Galaxis“ durfte das jpub-2.0-Team natürlich nicht fehlen: Unter dem (nach dem Prinzip der didaktischen Verunsicherung gewählten) Titel „‚Bitte schließen Sie den Kommentarbereich!'“ stellten wir einen winzigen Teil der Ergebnisse unserer Fallstudie bei der Tagesschau vor:

„Bitte schließen Sie den Kommentarbereich!“ Erwartungen und Erwartungserwartungen an Publikumsbeteiligung im Journalismus. from jpub 2.0

Dem Tagungsthema entsprechend beschäftigten sich die meisten Beiträge mit dem Wandel der medialen Bedingungen und seinen Folgen. Den Anfang machte W. Lance Bennett, Professor an der University of Washington, mit seiner Keynote „Changing media, changing societies: challenges for communication research“ (hier das Video der Keynote und eine kurze Zusammenfassung auf der Website der Uni Mainz).

Bennett thematisierte den Wechsel von modernen zu spät-modernen Gesellschaften: Sei der (übergreifende) Sinn von Dingen, Praktiken, Verhältnissen usw. in der Vergangenheit noch eher von Institutionen wie Staat, Kirche usw. festgelegt und kommuniziert bzw. gesellschaftsweit vorgegeben worden, so seien heute die Gesellschaftsmitglieder selbst dafür verantwortlich, sich gewissermaßen ihren eigenen Sinn zu konstruieren. Bei so gewandelten gesellschaftlichen Verhältnissen sei es nur logisch, dass auch die Medien und der Journalismus sich ändern. So verwies Bennett etwa auf eine Studie der OECD (2010), nach der die Zahl der ZeitungsjournalistInnen in Deutschland zwischen 1997 und 2007 um 25 Prozent gesunken ist.

Ebenso formten sich neue Muster der Mediennutzung: BürgerInnen unter 30 legen laut Bennett ein anderes Nachrichtenkonsum- und Informationsverhalten an den Tag als ihre Eltern und Großeltern. Zwar wollten viele – wohl v.a. JournalistInnen und andere Medienschaffende – glauben, dass die Jungen von allein mit zunehmendem Alter und in anderen Lebensumständen ihr Verhalten ändern werden, dass sie wieder (mehr) Zeitung lesen, Fernsehnachrichten schauen, in Magazinen blättern usw. Aber Bennett stellte unmissverständlich klar: „Sorry, that’s not going to happen.“

Stattdessen hätten die jungen MediennutzerInnen andere Informationsrepertoires entwickelt (vgl. zum Konzept der Informations- bzw. Medienrepertoires diesen Aufsatz von Uwe Hasebrink und Hannna Domeyer), suchten andere Informationen aus anderen Gründen und in anderen Quellen. Als Beispiel nannte Bennett den Lifestyle-Journalismus der Zeitschrift NEON, deren Herausgeber Timm Klotzek feststellte, dass junge LeserInnen durchaus an politischen Themen und Fragestellungen interessiert sind – nur eben nicht an Politik bzw. den klassischen politischen Institutionen und Ideologien und ihren Auseinandersetzungen sowie der Berichterstattung darüber. Zu den neuen Informationsangeboten zählt Bennett auch Websites und Netzwerke sozialer Bewegungen, die sich einem bestimmten sozial-politischen Bereich widmen: Auf ihnen suchten sich BürgerInnen direkt, d.h. unter Umgehung der traditionellen Massenmedien, Informationen zu den Themen, die sie selbst für relevant halten.

In diese Entwicklung passen laut Bennett auch Phänomene wie Crowdsourcing- oder Bürger-Journalismus. Überhaupt würden Begriffe wie „Information“, „Journalismus“ und „Nachrichten“ sowie die dahinterstehenden Praktiken immer weniger von ihren traditionellen Bereitstellern definiert und immer mehr von Seiten ihrer Rezipienten: als das, was sie in ihrem sozialen und alltäglichen Leben beeinflusst.

Wenn Bennetts Überlegungen zutreffen, so hat er damit den Rahmen eines übergreifenden Gesellschafts- und Medienwandels beschrieben, in den sich unsere Thesen und Fallstudien zum Zusammenhang von sich ändernden Praktiken und (Erwartungs-)Erwartungen der Inklusion im Journalismus ‚wie von selbst‘ einfügen lassen.

Fest in KoWi-Hand: das ZDF-Gelände auf dem Lerchenberg in Mainz

Fest in KoWi-Hand: das ZDF-Gelände auf dem Lerchenberg in Mainz

Ein weiterer Beitrag, den wir mit besonderem Interesse verfolgten, war der von Brigitte Hofstetter, Rebecca Lineham, Stefan Bosshart und Philomen Schönhagen von der Universität Fribourg zu „Nutzerbeteiligung und journalistischem Handeln in Schweizer Redaktionen“: Hier wurde zunächst auf theoretischer Ebene Partizipation im Journalismus weiter differenziert in

  • reaktive, interaktive und expressive Beteiligung, die nur selten und indirekt Auswirkungen auf den redaktionellen Output hat, sowie
  • kollaborative Beteiligung, die partizipative Formate im engeren Sinne kennzeichnet und bei der Laien zusammen mit JournalistInnen an journalistischen Produkten arbeiten.

Anschließend stellten Hofstetter et al. ihre Fallstudien vor, bei denen sie in mehreren Schweizer Redaktionen untersuchten, wie sich Publikumsbeteiligung auf journalistische Arbeitsweisen und Routinen auswirkt. Eine Besorgnis erregende Erkenntnis lautete, dass junge JournalistInnen zunehmend auf den Aufbau persönlicher Informations- und Informantennetzwerke verzichten und sich bei der Recherche stattdessen weitgehend auf diejenigen Quellen verlassen, die sie „ad hoc“ im (Social) Web auffinden. Ein positives Resultat war hingegen, dass aktive NutzerInnen v.a. im Lokalbereich die Berichterstattung inhaltlich erweitern.

Ein besonderes Augenmerk legten die Vortragenden (wie auch wir hier im jpub-Projekt) auf die Betreuung von Social Media-Profilen und anderen partizipativen Elementen der Redaktion. Dabei fanden sie heraus, dass die Kommentare einiger NutzerInnen von Prä-Moderation ausgenommen sind und ungeprüft veröffentlicht werden, wenn die JournalistInnen auf Grund vorheriger Kommentare darauf vertrauen, dass die/der NutzerIn nichts postet, das gegen die Diskussionsregeln verstößt. Dies passt auch zu einigen Einsichten, die wir in unseren Fallstudien gewonnen haben.

Ebenfalls ähnlich wie in unseren Untersuchungen, fanden Hofstetter et al. heraus, dass der Einfluss der Nutzerbeteiligung insbesondere auf die Themenwahl der Redaktion nicht nur von journalistischen Kriterien abhängig ist, sondern auch von strategischen Erwägungen: So würde etwa über ein Thema oder Ereignis berichtet, auch wenn dieses gar nicht (mehr) relevant oder aktuell ist – nur weil der Hinweis darauf aus dem Publikum kam. Die Überlegung dahinter: Die Redaktion will nicht riskieren, dass sie das Image eines „Fortschrittsverweigerer“ erhält, indem sie sich (vermeintlich) gegen den Trend zur Publikumsbeteiligung wendet. Und natürlich will man die/der NutzerIn, von der/dem der Hinweis kam, nicht enttäuschen und als RezipientIn verlieren.

Die Präsentation veranlasste den im Publikum sitzenden Walter Hömberg dazu, darüber zu sinnieren, ob unter JournalistInnen früher eine ‚Feedback-Phobie‘ herrschte, die sich inzwischen zu einer ‚Feedback-Manie‘ verkehrt habe.

Im gleichen Panel folgte ein Vortrag von Annika Sehl und Michael Steinbrecher vom Institut für Journalistik der TU Dortmund zur „Partizipation im Wandel: Von Offenen Kanälen zum TV-Lernsender. Eine Befragung und Inhaltsanalyse zur Qualität angeleiteter Bürgerpartizipation im Fernsehen.“ Vorgestellt wurden die Ergebnisse einer Befragung der BürgerInnen und StudentInnen, die Beiträge für den TV-Sender nrwision produzieren, der als zentraler „Lernsender“ in NRW die über das ganze Land verstreuten Offenen Kanäle abgelöst hat. Das Konzept des Lernsenders beinhaltet dabei, dass die Hobby-ProduzentInnen von einer Programmredaktion Feedback zu ihren Beiträgen bekommen, um so ihre Kompetenzen weiterzuentwickeln. Auch  diese Feedback-Protokolle wurden einer Analyse unterzogen. Interessant war, dass – im Gegensatz zu den Erkenntnissen zu den Offenen Kanälen – das Geschlechterverhältnis unter den nrwision-Zulieferen ausgewogen war. Allerdings lag das an der stark weiblich geprägten Gruppe der Studierenden; die ‚echten’ Hobby-TV-Macher sind nach wie vor v.a. männlich.

Bezüglich der Bewertungen der eingereichten Beiträge ergaben sich Unterschiede zwischen dem Selbst- und Fremdbild der Zulieferer: Während sie selbst vornehmlich von der Qualität ihrer Arbeit überzeugt waren, empfand die Programmredaktion die Beiträge als weniger ausgereift. Die Analyse der Feedback-Protokolle ergab, dass positives Feedback am ehesten zum inhaltlichen Aufbau eines Beitrags gegeben wird. Allerdings enthielt auch über die Hälfte der Rückmeldungen Kritik an einigen Aspekten des Aufbaus. Besonders viel negatives Feedback zog die Tonqualität der Beiträge auf sich – ein Umstand, den wohl jede(r) nachvollziehen kann, die/der schon einmal einen Film-Beitrag produziert hat.

Den dritten Vortrag im Panel bestritt Christian Nuernbergk von der LMU München – . Unter dem Titel „Modus Kooperation? Die Orientierungsleistungen in der ‚Blogosphäre‘ auf dem Prüfstand. Ergebnisse aus netzwerk- und inhaltsanalytischer Perspektive.“ stellte er ausgewählte Ergebnisse seiner frisch erschienenen Dissertation vor, in der er untersuchte, ob und wie deutsche Weblogs die Berichterstattung zum G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm auf Spiegel Online (als Paradebeispiel für ein etabliertes journalistisches Angebot) und/oder Indymedia (als Repräsentant alternativer Medien) aufgreifen. Das Ergebnis waren drei Cluster: solche Blogs, die nur SpOn-Berichte kommentierten und verlinkten; solche, die nur Indymedia-Beiträge aufgriffen; und solche, die in ihren Posts die Berichterstattung beider Websites ansprachen. Die Verlinkung eines Berichts konnte dabei aber nicht ohne Weiteres als Zustimmung zu diesem gewertet werden: Ein Viertel der verlinkten Beiträge wurde im jeweiligen Blogpost kritisch kommentiert, nur ein Sechstel gelobt. Die Hälfte aller Links enthielt keine Bewertung des Originalbeitrags; in einem Fünftel der Blogposts fand sich allgemeine Kritik an den Medien. (Die Folien zum Vortrag gibt es hier. Außerdem hat Christian Nuernbergk einen Blogpost zu den Ergebnissen verfasst.)

Beäugten das wissenschaftliche Treiben kritisch: die Mainzelmännchen im Merchandise-Shop des ZDF

Beäugten das wissenschaftliche Treiben kritisch: die Mainzelmännchen im Merchandise-Shop des ZDF

In einem parallel laufenden Panel stellten außerdem Michael Harnischmacher und Klaus Arnold von der Universität Trier die Ergebnisse ihrer Studie zu unabhängigen lokalen Nachrichten-Websites vor. Mittels Inhaltsanalyse und Befragung untersuchten sie das Selbstverständnis, die Organisation und Finanzierung sowie die journalistische Professionalität und Qualität der so genannten „Hyperlocals“. Das überraschende Ergebnis: Die meisten Websites werden von ausgebildeten JournalistInnen selbstausbeuterisch, vornehmlich aus Idealismus und nach klassisch-professionellen Vorstellungen betrieben. Dabei ergänzen sie die lokale Berichterstattung um weitere Themen sowie um tiefe und hintergründige Geschichten.

Leider keine ausführlichen Notizen gemacht haben wir uns zum ersten Vortrag des Panels „Publikumsbeteiligung im Internet“ am zweiten Konferenztag: Hier stellten Annika Sehl (TU Dortmund) und Theresa Naab (HMTM Hannover) anhand einer Meta-Analyse vor, wie sich kommunikationswissenschaftliche Studien zwischen 2004 und 2012 mit dem Thema User-generated Content auseinandergesetzt haben. Aber so viel sei gesagt: Die meisten Studien sind Inhaltsanalysen, besonderer Bedarf besteht noch an international vergleichenden Untersuchungen zu nutzergenerierten Inhalten, und die Methodentransparenz der bisherigen Beiträge zu diesem Thema ist mangelhaft: Vielfach fehlt bei Inhaltsanalysen die Angabe der Inter- bzw. Intracoder-Reliabilität, und auch die Dokumentation bzw. Wiederauffindbarkeit des untersuchten Materials wird selten thematisiert.

Der Grund für unsere mangelnde Dokumentation dieses wichtigen und spannenden Vortrags war übrigens, dass wir direkt im Anschluss präsentieren mussten und dementsprechend abgelenkt waren.

Den Abschluss des Panels lieferte Katja Mehlis von der Universität Erfurt, die unter dem Titel „Partizipative Nachrichtenangebote im Internet. Befunde zu Nutzung und Glaubwürdigkeit aus Publikumssicht.“ die Ergebnisse eines Quasi-Experiments präsentierte, das auch Teil ihrer Dissertation ist: In einer Online-Befragung wurde insgesamt 544 TeilnehmerInnen jeweils ein Screenshot eines Artikels zu einem bestimmten Thema zugeteilt: entweder von einem partizipativen oder einem technischen oder einem professionellen journalistischen Angebots. Die Befragten wurden dann u.a. gebeten, die Glaubwürdigkeit der jeweiligen Website einzuschätzen. So wollte Mehlis herausfinden, ob Unterschiede in der Glaubwürdigkeit die Ursache sein könnten für die deutlich stärkere Nutzung professioneller journalistischer Web-Angebote im Vergleich zu den beiden anderen Typen in Deutschland. Im Anschluss wurde allerdings darauf verwiesen, dass NutzerInnen unterschiedlichen Angebotstypen vermutlich aus unterschiedlichen Gründen Glaubwürdigkeit zusprechen: professionell-journalistischen Websites etwa auf Grund traditioneller Kriterien wie einer objektiven, neutralen Berichterstattung; partizipativen Angeboten hingegen vielleicht eher für ihre Authentizität, mithin: die Subjektivität der dort zu findenden Beiträge. Glaubwürdigkeit würrde für das Publikum also bei professionellen Angeboten etwas anderes bedeuten als bei partizipativen.

Nicht direkt in das jpub-Themengebiet „Publikumsbeteiligung im Journalismus“ passend, aber sehr interessant waren auch Benjamin Krämers und Julia Neubarths (LMU München) Überlegungen zur „Repräsentation sozialer Strukturen im Internet“. An dieser Stelle möchten wir nur mit einem Zitat Werbung für die Präsentation machen, die man sich hier anschauen kann: Basierend auf der Feststellung, dass die symbolische Repräsentation sozialer Strukturen im Internet mehr ist als eine bloße Darstellung (Abbildungsverhältnis) oder Reduktion („nur“-Verhältnis) der Verhältnisse und Beziehungen im ‚realen Leben‘ stellen Krämer und Neubarth fest: „[D]as Symbol (die Datenstruktur) ändern, heißt auch, die soziale Realität ändern“.

Über die kleine Auswahl hier hinaus gab es natürlich noch eine Fülle weiterer interessanter Vorträge zu den unterschiedlichen Themenfeldern der Kommunikations- und Medienwissenschaft. Einen Überblick erhält man durch die Kurzzusammenfassungen im Book of Abstracts. Wer weitere Infos zur Tagung und den anschließenden und parallel laufenden Diskursen haben möchte, dem sei dieses Storify von Christian Strippel empfohlen. Außerdem findet sich hier ein Mitschnitt der Podiumsdiskussion vom zweiten Konferenztag, bei der

über „Die Kommunikation und ihre Wissenschaft in zehn Jahren“ debattierten.

[jr]

März 11th, 2013

Zwischen Publikumsbeteiligung und Transparenz: Experimente mit offenem Journalismus

Bereits im „New(s) stuff“-Post ist bei den Themen „Live-Blogging“ und „fact-checking“ angeklungen, dass Crowdsourcing und andere Publikumsbeteiligung im Journalismus ein gewisses Maß an Transparenz der redaktionellen Prozesse voraussetzen – allein schon, weil Nutzer wissen müssen, woran die Journalistinnen und Journalisten gerade arbeiten, um wissen zu können, wobei sie ihnen helfen können. Dieser Zusammenhang wird auch bei den folgenden journalistischen Innovationen, Experimenten und Tools deutlich.

So hat etwa Tobias Gillen Ideen und Beispiele gesammelt, wie Journalisten #Vine nutzen können, das (relativ) neues Kurzvideo-Tool aus dem Hause Twitter, das die schnelle Verbreitung von maximal sechs Sekunden langem AV-Material über Social Media erlaubt, aber wegen der Einbindung in den Microblogging-Dienst auch großes Potential birgt für Crowdsourcing und das Bringen von Transparenz in journalistische Prozesse. Gillens Vorschläge für dieNutzung im Journalismus sind u.a.:

  • Bei Live-Berichterstattungen auch ein wenig der Atmosphäre einfangen.
  • Die Leser am Zeitungsbau teilhaben lassen.
  • Tweets besser visualisieren.

Ganz in Crowdsourcing-Manier bittet er übrigens auch um weitere Ideen.

Auf VOCER stellt Gillen dann noch – anschaulich an Beispielen illustriert – die Chancen dar, die Social Media insgesamt für Journalisten bieten in Sachen Crowdsourcing und Transparenz, aber auch um als  einzelner Journalist zu einer Marke zu werden.

Auch Ulrike Langer hat sich mit offenem Journalismus beschäftigt und erzählt hier von journalistischen Experimenten mit Transparenz und Publikumsbeteiligung, etwa bei der Winnipeg Free Press, die ihre Redaktionsräume 2011 um ein Café ergänzte, in dem sich nun tagtäglich Journalisten und Leser über den Weg laufen und untereinander austauschen. Im Vergleich zu den USA heiße es für das Publikum in Deutschland hingegen meist noch „Leser müssen draußen bleiben“, so Langer. Eines der raren deutschen Beispiele für die Öffnung journalistischer Prozesse ist etwa die kürzlich gegründete „Agentur für modernen Journalismus“ Netz-Lloyd.

Um offenen Journalismus ging es hier im Blog ja schon mehrfach, wenn von Live-Berichterstattung unter Nutzung sozialer Medien die Rede war: Denn Plattformen wie Twitter lassen Rezipienten nicht nur dabei sein, wenn über Tweets oder andere Kurznachrichten Schritt für Schritt der Bericht  über ein Ereignis entsteht, sondern erlauben ihnen zudem, diesen Echtzeit-Report ebenfalls in Echtzeit und öffentlich zu kommentieren und manchmal sogar zu beeinflussen – indem sie etwa Nachfragen stellen, denen der Journalist oder die Journalistin dann direkt nachgehen kann. Die Dialogizität sozialer Medien kann von Redaktionen aber auch jenseits des Live-Events sinnvoll genutzt werden, wie Rachel McAthy hier am Beispiel von Q&A-Sessions darstellt: Über das Sammeln und Beantworten von Fragen des Publikums zu einem aktuellen oder aufkommendem großen Thema lässt sich etwa herausfinden, was das Publikum – zumindest das aktive Online-Publikum – denn eigentlich noch nicht weiß oder was es noch wissen möchte. So kann die Berichterstattung stärker auf die Bedürfnisse der Rezipienten abgestimmt werden. Über Empfehlungen oder Weiterleitungen von Usern, (Hash-)Tags und andere Funktionen und Attribute können zudem neue Zielgruppen auf das Medium und seine Berichterstattung aufmerksam (gemacht) werden – etwa die Netzwerk-Kontakte von Usern, die bereits zum Publikum des Mediums gehören. Und auch die Bindung zu bereits vorhandenen Rezipienten wird wohl tendenziell gestärkt durch die Möglichkeit zu Dialog und Beteiligung sowie dadurch, dass die Redaktion demonstriert, dass sie ihr Publikum und seine Wünsche und Bedürfnisse wahr- und aufnimmt.

Wer sich noch weiter mit Live-Blogging beschäftigen möchte, dem sei wärmstens dieser Artikel von Neil Thurman und Anna Walters zu „production, consumption, and form of Live Blogs at a popular UK newspaper website“ ans Herz gelegt aus der ersten Ausgabe der neuen Fachzeitschrift Digital Journalism, die kostenlos zum Download steht.

Zum Schluss noch ein Hinweis auf „1oo Things I’m Learning at Journalism Interactive 2013“, Daniel Reimolds Sammlung von „practical and inspiring tips, tools, links, quotes, and anecdotes“ von der Journalism Interactive-Konferenz, auf der sich vom 7. bis 9. Februar an der University of Florida Journalismus-Wissenschaftler und -Praktiker über Datenjournalismus, Design journalistischer Produkte, mobilen Journalismus und Publikumsbeteiligung austauschten. Reimolds Beitrag ist/war übrigens ein Live-Blog: ein Live-Blog, in dem es u.a. um Live-Blogging geht – so etwas freut doch Fans von Selbstreferentialität und Beobachtungen dritter Ordnung!

Übrigens: Natürlich ist auch dieser Beitrag über offenen Journalismus „offen“, d.h. wir freuen uns über jeden Hinweis auf ein weiteres interessantes Projekt im Journalismus, auf Themen im Umfeld von Publikumsbeteiligung und Transparenz im Journalismus, die wir hier noch nicht behandelt haben usw. [jr]

Februar 13th, 2013

Tagungsbericht „Wandel und Messbarkeit des öffentlichen Vertrauens im Zeitalter des Web 2.0“

Am 25.1. fand auf dem Mediencampus in Leipzig die Fachtagung „Wandel und Messbarkeit des öffentlichen Vertrauens im Zeitalter des Web 2.0“ des Instituts für Praktische Journalismus- und Kommunikationsforschung (IPJ) statt. Das Programm war in vier aufeinander folgende Panels aufgeteilt, die jeweils die Sicht und Erkenntnisse einer der vier Säulen des Instituts – Kommunikationsmanagement, Journalismusforschung, Medien-Informatik, Markenkommunikation – widerspiegelten und somit einen interessanten interdisziplinären Zugang zur Vertrauensforschung boten:

Zunächst erläuterte Günter Bentele Grundlagen seiner Theorie des Vertrauens und Möglichkeiten seiner Messung und verwies auf die wachsende Bedeutung von Vertrauen für und in Personen, Organisationen und Systeme in der Mediengesellschaft. Anschließend stellte Patricia Grünberg unter dem Motto „Vertrauen in das Gesundheitssystem“ eine Inhaltsanalyse von Printberichten zu Zeiten gesundheitspolitischer Reformvorhaben vor, die u.a. ergab, dass Medienbeiträge zum Gesundheitssystem hauptsächlich negativ ausfallen. Das letzte Drittel des Kommunikationsmanagement-Teils bestritt Jens Seiffert mit einem Vortrag zur angeblichen Vertrauenskrise des Finanzsystems in Deutschland: Nach seinen Analysen des Corporate Trust Index, einer Erhebung der Existenz und Bewertung von sieben Vertrauensfaktoren in Printberichten zu bestimmten Unternehmen, drücken Journalisten trotz Wirtschaftskrise in ihrer Berichterstattung nach wie vor Vertrauen in die Wirtschaft aus.

Wenn über öffentliches Vertrauen geredet wird, darf auch der Journalismus als großer Hersteller von Öffentlichkeit (oder zumindest öffentlichen Kommunikationsangeboten) nicht fehlen. So befasste sich auch der zweite Tagungsteil mit Journalismusforschung. Im ersten Beitrag gab Michael Haller einen Überblick über die Forschung zu öffentlichem Vertrauen und der Rolle der Medien. Für das jpub-2.0-Team war ich vor Ort und sprach über eine etwas andere Verbindung von Vertrauen und Journalismus, nämlich darüber, ob und wie Transparenz im Journalismus das Vertrauen in Journalismus beeinflusst. Aufbauend auf dem Artikel „Transparenz im Journalismus“, den Klaus Meier zusammen mit mir veröffentlichte, befasste sich mein Vortrag zunächst mit der Frage, was Transparenz im Journalismus überhaupt ist: Wie lassen sich so unterschiedliche Transparenz-Instrumente wie die Verlinkung von Quellen, Ombudsmänner, Webvideos von Redaktionskonferenzen, Hinweise auf korrigierte Fehler usw. unter einer Definition zusammenfassen? Und wie kann ein theoretisches Modell dennoch der Mannigfaltigkeit des Phänomens gerecht werden? Ausgehend von der häufig geäußerten Behauptung eines positiven Zusammenhangs zwischen Vertrauen und der Öffnung (oder zumindest Offenbarung) journalistischer Prozesse und Ressourcen wurden im zweiten Teil des Vortrags u.a. vier der wenigen empirischen Studien zu dieser These vorgestellt. Das Fazit: ein klares, bestimmtes, typisch sozialwissenschaftliches „Es kommt darauf an.“ (Die Folien zum Vortrag können auf meinem Slideshare-Account angesehen werden.) Anschließend berichtete Christian Bollert, wie er und seine drei Mitstreiter u.a. durch Transparenz in Form eines Redaktionskodexes bei Rezipienten und Werbekunden Vertrauen in eine neue Medienmarke herstell(t)en, nämlich in das von ihnen gegründete Webradio detektor.fm.

Der dritte Teil der Tagung befasste sich mit den Möglichkeiten der Messung öffentlichen Vertrauens durch Text Mining, ein Verfahren der Medien-Informatik, bei dem computergestützt große Textmengen, etwa Zehntausende Presseberichte, inhaltsanalytisch ausgewertet werden können. Als Beispiel ging Gerhard Heyer etwa auf eine Analyse des Zusammenhangs von Aktienkursen und Unternehmensmeldungen in den Medien ein, nach der positive Berichte über eine Firma keinen, negative aber einen negativen Effekt auf den Börsenwert des Betriebs haben. Allerdings wies er auch auf das Problem rein quantitativ orientierter Verfahren der Textanalyse hin, nämlich dass Wichtiges unter Umständen nicht so oft gesagt bzw. geschrieben wird. Auch stelle jedes Verbreitungsmedium spezielle Ansprüche an die Analyse. So seien Sentimentanalysen von Blog-Posts wegen der häufig in ihnen vorkommenden Ironie (noch) deutlich weniger aussagekräftig als die von anderen Textsorten. Gregor Wiedemann und Andreas Niekler erläuterten anschließend, wie das Text Mining im aktuellen Projekt „Postdemokratie und Neoliberalismus“ zur Anwendung kommen soll, und zeigten erste Auswertungen. Besonders interessant aber war die anschließende Diskussion: Ein Zuhörer fragte nach, in wie fern das Verfahren auch berücksichtigen könne, dass sich die Bedeutungen von Wörtern auch verändern können. Als Beispiel nannte er den Begriff „Kollateralschaden“, der zunächst nur im Zusammenhang mit bewaffneten Konflikten gebraucht, aber zunehmend vom militärischen Kontext gelöst worden sei, so dass man ihn heute etwa auch in Bezug auf betriebsbedingte Kündigungen verwende. Die Vortragenden beschwichtigten: Da die Wörterbücher, die den Analysen zu Grunde liegen, jeweils von einem Experten für das untersuchte Gebiet mitgestaltet würden, könne das Problem umgangen werden. Zur Demonstration der Schnelligkeit der Software, ließen sie sich vom Programm adhoc eine Visualisierung des Vorkommens des Wortes „Kollateralschaden“ in Printartikeln seit 1998 anzeigen – und belegten damit gleich die Vermutung einer Bedeutungsveränderung des Begriffs: Wurde der Begriff zu Beginn des untersuchten Zeitraumes noch fast ausschließlich in Phasen von Kriegen und Konflikten in der Presse benutzt, kam er zum Ende der Analyseperiode deutlich verstreuter vor, was darauf hinweist, dass er nicht mehr nur im militärischen Kontext verwendet wurde.

Der abschließende Tagungsteil befasste sich mit dem Vertrauen in Marken im Zeitalter des Social Web. Da ich meinen Zug erwischen musste, kann ich hier leider nur die Informationen aus dem Programmheft wiedergeben. Demnach reflektierten zunächst Manfred Kirchgeorg und Martin Wiedmann über das Vertrauenskonstrukt in der Marketingwissenschaft und stellten empirische Beispiele vor. Anschließend berichtete Steffen Hermann über die Interdependenz von Social Media, redaktionellen Medien und Unternehmensreputation/-vertrauen bei Stakeholdern.

Insgesamt war das Tagungsthema „Wandel und Messbarkeit des öffentlichen Vertrauens“ eine gute Klammer für die sehr unterschiedlichen Forschungszweige und führte dazu, dass sich in jedem Tagungsteil vielfältige Anschlusspunkte für die drei anderen im Institut vertretenen Disziplinen ergaben – und auch für Psychologen und Soziologen, wie sie sich im Plenum fanden. Das einzige Manko war das Fehlen von W-Lan und Hashtag. Vielleicht war ja auch deshalb der Teil „im Zeitalter des Web 2.0“ auf dem Tagungsflyer deutlich kleiner abgedruckt als der Rest des Konferenztitels.

(Ein weiterer Bericht zur Tagung findet sich auch auf der Website des IPJ.) [jr]

Februar 3rd, 2013

New(s) stuff

After four months we think it’s time for a new roundup of recent developments and innovations in journalism and user participation.

One tool journalists are currently experimenting with is Google-Hangouts. Rob O’Regan knows six ways in which newsrooms can use Google-Hangouts, i.e. for

  • interviews (obvious)
  • discussing breaking news
  • how-to’s, demonstrations or educational programming
  • collaboration within the newsroom (e.g. to jointly discuss story development)
  • chats of writers and editors with paying users
  • focus groups to get feedback on issues, articles, websites etc.

Btw: O’Regans evaluation that “Google+ is not yet a Facebook killer” is certainly true for the majority of people. But for a small number of recipients of online journalism, Google+ has already killed Facebook: Some of the users we interviewed for jpub20-case studies valued Google+ much higher than Facebook in terms of discussion quality and culture.

Similarly, these 91 (!) slides by Mykl Novak offer not only an overview over the contents and functions of tumblr and the socio demographics of its users as well as comparisons with Facebook, Google+ and Twitter as far as unique visitors and duration of visits are concerned, but also present some examples of how newsrooms use tumblr. Among Novak’s tip: Strike a balance between

  • creation
  • curation
  • transparency
  • new, visual formats and
  • and user participation/crowdsourcing.

You’re rather interested in using Pinterest for journalism? No problem: Mallary Jean Tenore tells you how other journalists use Pinterest to

  • highlight feature content
  • resurface old content
  • respond to news events
  • showcase local attractions and events and
  • reach new audiences.

In this older German post, we already told you about Truth Teller, an application that spots false claims made by politicians in speeches, interviews and so on – in real-time! An algorithm transcribes the words of the speaker into text checks them against the Washington Post’s database of checked facts. Now the WP has launched the prototype of Truth Teller and explains how it works in a video. In a recent post, David Holmes explains the advantage of using robots to do the fact-checking: No one would think they’re biased. But Holmes also points to the problem that the WP’s database the politicians’ claims are checked against consists of facts that have been verified by real human journalists. And if that data leans one way or the other, the unbiased algorithm produces biased evaluations nonetheless. Furthermore, the robot checks keywords, figures and so on. But it cannot understand what it transcribes so that it cannot check whether correct facts are used in a misleading context. However, “For right now at least, the program seems to hit a sweet spot between human reporting and algorithmic data collection.”, Holmes writes and suggests using Twitter as a data source for robot fact-checking during breaking news events.

In any case, “data” is a word you hear and read more and more often together in one sentence with “journalism”. No wonder that newsrooms are thinking about how to organize and utilize it: Sarah Marshall reports on a library software for collecting data and on how journalists extract stories from it. And Luuk Sengers writes about a research database that stores documents, questions, contacts, calendars and so on in one file.

If a newsroom used one of these tools publicly, it could showcase its research processes – thus, create transparency – and invite users to participate by saying which questions should be answered first because they are most important to them, by adding questions to be answered, by pointing to sources who could answer the journalists’ questions and so on. German daily Frankfurter Allgemeine Zeitung has just completed a three-day-experiment with such a kind of user participation using an interactive mindmap to gather research questions and answers concerning as well as to discuss about textile production.

From live-research to live-coverage: Reporting current events in real-time using Twitter offers recipients unique opportunities to comment on the event itself as well as on the way quality of coverage. David Higgerson offers some advice for journalists who want to give it a try. tl;dr? Just take a look at this infographic about live-blogging by Elisabeth Ashton. Interested in more infographics? Cool Infographics is a site dedicated only to them. And if you are searching for a tool to use for live-blogging, you should read Sarah Marshall‘s article on Liveblog Pro, a platform built by two students and a journalist who seem not to have much confidence in journalists’ skills concerning the adoption of new technology: “Liveblog Pro was built with journalists in mind, making it as simple as possible.”

The fine thing about Twitter is that you cannot only use it to disseminate information but also to collect it. However, using tweets as a source is very risky unless the information gathered is verified. Fortunately, Steve Buttry knows how to evaluate the validity of tweets. It might also be useful to watch this video in which Malachy Browne explains how Storyful separated news from noise by verifying user-generated videos and images during hurricane Sandy. In case that for once you haven’t checked the info carefully enough: Rachel McAthy talked to Steve Buttry, Craig Silverman and others about how to correct mistakes online. [jr]